Der liebe Gott hat uns geschaffen, weil er Geschichten mag! Mit Verkostungsnotizen verdiente ich zwar mehr wie mit Weingeschichten. Aber irgendwie macht mir das Zweite mittlerweile fast mehr Freude. Und an diesem Spass möchte ich die Leser meiner Webseite ab und zu teilhaben lassen.
1985 BORDEAUX: EVERGREEN
Gelobt und doch etwas unterschätzt. Die Bordeaux 1985 kann man guten Gewissens als Evergreen bezeichnen. Einerseits waren diese immer schön und beliebt, andererseits sorgte die späte Ernte mit knapp gereiftem Cabernet auch für eine grünliche Note die bis heute geblieben ist. Nicht störend, eher würzig. Vor allem bei den Médocs!
Die meisten Flaschen sind wohl schon ausgetrunken. Immerhin zeigen sich die Bordeaux aus diesem damals als gross gehandelten Jahrgang seit Jahren mit wunderschönem Genuss. Lanciert wurden die 85er in einer Hochkunjunkturphase. Just nach dem Primeurverkauf legte sich der „Blues“ über die Weltwirtschaft und die späteren Offerten lagen tiefer als die Erstlingspreise und der danach folgende Jahrgang 1986 blieb jahrelang bei Händlern und Négociants liegen – dies bei nochmals rund 30 % tiefern Marktpreisen.
Heute zeigten sich eine Vielzahl der Weine aus allen Appellationen noch in sehr guter Verfassung und bieten einen klassischen, feinen Trinkgenuss. Es gibt da nicht wenige Weine, die sich auf gleichen oder fast gleichen Qualitätsniveau wie die wesentlich teurer gehandelten Premiers befinden. Der teuerste Premier ist der Lafite der sein Geld bei weitem nicht wert ist. Genial und eigentlich der beste vom linken Ufer ist der Las Cases der seine Hochform seit der Primeurverkostung eisern verteidigt. Gefolgt vom traumhaften Palmer und noch frischen Margaux. Der beste Premier ist Margaux zusammen mit Latour. Ganz fein wäre auch der Haut-Brion mit seiner zarten Terroirwürze. Die Saint Emilions sind den Pomerols generell unterlegen. Leider war an unserer Probe die Yves Beck in Twann organisierte der Lafleur oxydiert (schlechte Flasche). Hier hätte man einen ziemlich mächtigen 19/20-Wein erwarten dürfen. Der Evangile ist schon seit längeren Jahren müde und abgekämpft. Hingegen sind der sperrige Le Gay, La Conseillante, Pétrus und der vielleicht allerbeste Libournaiser L’Eglise-Clinet heute, morgen und auch noch übermorgen eine Offenbahrung. Korkmeldungen: Lascombes, Cheval-Blanc, Lafleur und Ducru-Beaucaillou. Die Sauternes 1985 taugen fast alle nichts, dafür überzeugte der Aperowein, ein trockener Yquem mit dem Namen „Ygrec“. Die Verkostungsnotizen folgen im WeinWisser…
WACHAU TOTAL
Mehr als 200 freife Flaschen Knoll und Hirtzberger wurden im Schloss Spitz im Rahmen des Wachau- Gourmet- Festivals geöffnet.
LÉOVILLE LAS-CASES 1928 BIS 2003
Wer sich heute zu den Las-Cases-Fans zählt, muss die Augen offen halten. Meist lohnt es sich nicht den Wein in Subskription zu kaufen, weil man ihn später nicht nur zum gleichen Preis oder gar günstiger auf dem Markt findet. Grad so geschehen jetzt mit dem Jahrgang 2006 (WeinWisser 20/20).
Und überhaupt sind die neuen Jahrgänge – wie auch bei anderen vergleichbaren Grand-Crus – viel teurer als eben so grosse «Millésimes» die jetzt in erster Reife stehen. So würden wir jetzt unbedingt nach den Jahrgängen 2001 und 1998 Ausschau halten. Da ist der Genussspass fast schon greifbar, nach ein zwei Stunden Dekantierens. Und obwohl der verstorbene Patron Michel Délon immer behauptete, dass die alten Las-Cases nicht viel taugen, fanden wir an unserer Vertikale ein paar ganz tolle, noch rüstige Prachtexemplare wie 1945, 1929 und 1928. In tanninreichen Jahren kann der Las-Cases ganz schön sperrig und recht hart ausfallen, was der immer noch zähe 1986er beweist. Typische Vertreter dieses heute möglicherweise als Premier einzustufenden Saint Juliens sind meist recht weich, süss und füllig-elegant. Das Musterbeispiel dieser Behauptung ist der Erotik versprühende, legendäre 1982er. An einer grossen Vertikalverkostung im Hotel Waldheim in Risch (Schweiz) genossen die Teilnehmer zu einem begleitenden Menu 28 Jahrgänge von 1928 bis 2003. Nicht bewertbar, weil oxydiert oder Korkgeschmack: 1956, 1961 und 1993.
30 Mal Château Rieussec
Der Tagessieger 1945 und der überrasschende 1943er garniert mit vielen Korkbröseln..
BERÜHMTER YQUEM-NACHBAR: RIEUSSEC
So richtig aufwärts ging es mit diesem unmittelbaren Ostnachbar vom legendären Château d’Yquem erst, als die Domaines Rothschild dieses 75 Hektar grosse Weingut übernahmen. Die Schlüsselfigur für den neuen Ruhm war damals der heutige Domaines-Rothschild-Generaldirektor Charles Chevalier der 1984 auswählen konnte, ob er lieber auf Lafite-Rothschild oder Rieussec arbeiten wollte. «Einen grossen Sauternes herzustellen sei viel schwieriger als Rotwein zu machen. Man müsse mit der Natur dabei Roulette spielen», sagte er. Und weil er auch privat ab und zu ganz gerne ins Casino gehe, hätte er sich vor 25 Jahren für Château Rieussec entschieden.
Leider scheint die Sonne in den letzten Jahren mehr über Rieussec zu scheinen als vor ein paar Jahrzehnten. Der Sauternesfanatiker Jürg Richter organisierte im Restaurant Lindenhofkeller in Zürich eine grosser Vertikale mit dem «alten Testament» von Rieussec. Dabei wussten kleinere Jahrgänge nicht selten zu überraschen. Während die grossen, erwartungsvollen enttäuschten. Der möglicherweise allerbeste alte Rieussec vom Jahrgang 1929 korkte. So teilten sich halt der 1945er und der 1947er den Siegerplatz – mit je 19 von 20 Punkten.
Weltweit einzigartig und unvergesslich. Man soll zwar mit der Superlative sorgfältig umgehen, aber ich glaube kaum, dass es eine solche Probe, in dieser Form, weltweit schon einmal gab. Auf jeden Fall kann sich der Besitzer vom klitzekleinen Château Le Pin aus Pomerol, Jacques Thienpont (persönlich anwesend) nicht an so etwas daran erinnern.
Alle je produzierten Le Pin's vom miesen Erstlingsjahrgang 1979 bis hin zum just ausgelieferten 2007er. Nicht wenige davon in Magnumflaschen und Doppelmagnums.
Der erste Abend fand im ParkHotel Delta in Ascona statt: Höhepunkte: 1981, 1983, 201, 2005. Zum Hauptgang ein paar 1994er. Lafleur aus der Doppelmagnum, La Conseillante aus der Impériale, Gazin aus Magnums und der Le Pin (der dann auch der beste der Serie war) aus der Doppelmagnum.
Am Samstagmittag assen wir rustikale Tessiner Spezialitäten im Grotto Broggini in Losone und die beiden Luigi Zanini's servierten 2008 Vinattieri bianco, 2007 Vintattieri Rosso und den wunderschön gereiften 1998 Vintattieri rosso. Dazu spielte Bruder Giuseppe mit seiner Fisarmonica.
Das Gala vom Samstagabend fand im Restaurant Santabondio bei Martin Dalsass in Lugano statt. Geniale Küche, sensationeller Lamm-Hautgang und alles wunderschön passend zu den Le Pins. Als Tischwein öffneten wir eine 15 Literflasche - äh wie heisst jetzt so eine schon wieder? Aha - Nebuchadnezar vom 1998 Château Petit-Village. Ein saftig-grosses Pomerolerlebnis mit erster Reife. Das Überformat reichte grad so knapp für die 40 überdurstigen Weinseelen. Die besten Le Pins an diesem Abend? 1998, 2000, 2002 und 1986 sowie 1990. Letztere beide aus Doppelmagnums. Den 2003er gab es nicht, weil er überhaupt nicht produziert wurde. Alle Trauben rosinierten am Stock infolge der grossen Herbsthitze. Der allergröste Wein dieser zweitägigen Probe:
1982 Le Pin: Magnum. Dunkles Weinrot, reifender Rand, satt in der Mitte. Tiefes Bouquet, Trüffelnoten, getrocknete Herbstpilze, Pfefferschote, dunkle Pralinen, frische und getrocknete Kräuter. Komplexer Gaumen mit grossem, artisanalen Terroirgeschmak, viel Dörrpflaumen, Pflaumenmark, Birnel, Korinthen, eine gewaltige Konzentration zeigend, nachhaltiges Finale mit dunklen Ledernoten. Ein bewegender Moment für einen extrem raren und sehr teuren Wein (Marktwert dieser Magnum; rund 20'000 Franken). Wesentlich dichter als Pétrus und Cheval aus dem gleichen Jahr. 20/20 austrinken
Die ganze Probe folgt noch in diesem Jahr im WeinWisser...
LA MOULINE 1989
Vor 10 Jahren verkostete ich diesen Wein aus dem Fass, zusammen mit Marcel Guigal in Ampuis. Das ist jener Winzer, der im Keller immer mit Hut degustiert. Nach dem Motto: «On déguste mieux avec la casquette!» Wenn man also eine Mütze auf dem Kopf trägt, dann sei das Hirn warm und man könne besser arbeiten.
Jetzt begegnete ich diesem mörderischen Wein wieder und die Bewertung lag wieder bei 20/20. Auch wenn man ihm vorwerfen muss, dass immer noch unglaublich viel Holz diesem Power-Côte-Rôtie begleitet. Doch die Aprikosen, reifen Pflaumen, Dörrfrüchte machen das Nutella-Caramel wieder wett. Wenn man nach Gewürzen sucht, dann findet man Karadmom und Zitronenthymian. Und auch jene die nach nichts suchen finden von allem fast zu viel. Diesem fast reinrassigen Shyraz werden jeweils etwa 7 % Viognier beigemischt, deshalb sind auch immer im Duft ein paar Aprikosen dabei....
Und da gab es noch klassischere Weine wie 1989 Châteauneuf-du-Pape Cuvée Céléstine Henry Bonneau, 1990 Domaine Trevallon (19/20), 1990 Bouscassé Vieilles vignes (18/20), 1990 Château Rayas (20/20), und Hermitage Jean Louis Chave (20/20). Mehr darüber gibt's, wenn ich im Herbst alle wichtigen 1990er nachverkostet habe....
Wissen Sie was noch viel mehr Spass macht als Fassproben in Bordeaux? Die noch nicht gefüllten Weissweine der Wachau zu verkosten! Während die in hölzernen Barrique-Primeurs manchmal so richtig weh tun können, so ist ein junger Wachauer ein derartig grosses Vergnügen, dass der Spucknapf bei gewissen Weinen glattweg verdurstet.
Welches werden wohl die allerbesten Smaragde sein vom Jahrgang 2009? Sicher werden die absoluten Spitzenproduzenten um den Spitzenplatz buhlen. Hier meine drei besten Weine von einem intensiven Wachauer Wochenende…
2009 Chardonnay Smaragd Emmerich Knoll: Die knolligen Smaragde sind heuer besonders pfeffrig und vif und glockenklar. Also wieder voll auf Kurs. Ich bevorzuge heuer generell die Rieslinge etwas mehr als die GV’s. Besonders fein – trotz seinem Volumen – ist die Vinothekfüllung vom Riesling. Doch meine Wahl geht an eine Wachau unübliche Rebsorte: Noch nie habe ich einen derartig grossen, phänomenalen Chardonnay erlebt, der ganz ohne Barrique auskam. Er zeigt eine hohe Reife, ohne exotisch zu wirken und er ist weich ohne jegliche stahlige Konturen. Warum züchten eigentlich führende Obstbauern keine Äpfel die nach Chardonnay schmecken? Das müsste doch eigentlich ein Renner sein. Knoll’s bester Wein kostet deutlich weniger als seine besten Rieslinge und GV’s. Nichts wie hin…. 19/20
2009 Grüner Veltiner Honivogl Smaragd, Franz Hirtzberger: Das grosse an diesem immergrossen Wein liegt heuer in der Finesse und Balance. Dies wird ihm auch zu einem sehr langen Leben bei anhaltender Frische verhelfen. Die Aromen liegen im reifen, gelben Bereich mit einer delikaten Terroir-Kalkwürze und ganz hellem Tabak im bereits jetzt schon völlig harmonischen Finale. Ich stufe ihn um eine kleine Nuance höher ein als den Riesling Singerriedel aus gleichem Hause den es übrigens heuer auch in den Varianten Beerenauslese und Trockenbeerenauslese gibt. 19/20
2009 Riesling Kellerberg Smaragd F.X. Pichler: Wir haben mit Lucas Pichler seine 2009er verkostet. Diese sollten eigentlich im Juwelenmarkt verkauft werden. Es sind alles funkelnde Wachauer-Diamanten! Das Niveau der gesamten Produktion ist mörderisch. Da fällt es nicht leicht, sich den besten heraus zu picken. Vielleicht wird es ja in ein paar Jahren die 15.4-Droge Unendlich sein. Völlig emotionell war für mich der Schluck vom Kellerberg Riesling. Hier wurde das mögliche Maximum an Selektion und Know-How in diesen Wachauer-Premier-Cru verpackt. Die Frucht tanzt zwischen grünen Agrumen, frisch gepflückten Trauben und Anklängen von exotischen Nuancen und über allem duftet es nach hoch reifem Weinbergpfirsich zum Verschwenden. Hier haben selbst abgebrühte Verkoster Mühe bei der Jungweinprobe auch nur ans Ausspucken zu denken. Mir kamen die Tränen. 20/20
ÖNOLOGISCHES DONNER-WETTER ZUM RENTENBEGINN
Grosszügige, soeben pensionierte Gastgeber erkennt man daran, dass diese bereit sind, mit guten Freunden die ersten paar AHV-Renten zu verprassen. So geschehen in Baden am Theaterplatz. Nomen es Omen, denn was die männrige Tischrunde am 65igsten Geburtstag von Weinfreund Heinz Wetter erleben durfte, war mehr als ein Weintheater, eher schon eine veritable Aufführung in mehren Akten. Vielen Akten, fast schon zu vielen Akten...
Schöne Flaschen mit Jubilar...
Vielleicht hatte aber der Jubilar bereits ein gewisses (und dann leider auch stattgefundenes Korkenrisko..) bei der Planung mit eingerechnet, sodass es für jeden Gratulanten just zu einem anständigen Damenrausch reichte. Und wenn auch im Hintergrund sich der junge Toggenburger-Simi Olympiagold ersprang, meine ganz persönliche Goldmedaille geht an Heinz Wetter, für den grosszügigsten Gastgeber unter den Frührentnern.
Als Vorbereitung für die önologische Semi-Narkose diente der nicht gerade besonders leichte, aber dafür extrem rare weisse 2005 Grange des Pères (19/20). Und wer glaubte, dass als zweiter Weisswein etwas Leichteres ins Glas gelangen würde, täuschte sich positiv. 1970 Le Montrâchet Domaine de la Romanée Conti. Die erste Flasche mit mittlerer Schulter vom Geschmack her, gelb wie ein hoch reifer Sennenanken. Die zweite perfekt; leicht seifig mit prallreifen Mirabellen- und Kamilletouch und einer sublimen, langen Fetthülle ummantelt. (19/20).
Am Tisch folgte dann eine erste Ouvertüre: 2004 Pinot Noir Gantenbein, hochfein und elegant. (19/20). Da zeigte sich der 2005 Pinot Noir Tête de Cru, Staatskellerei Zürich ziemlich charaktervoll daneben und im Moment etwas zurückhaltender (18/20). Der 1990 Merlot Sassi Grossi war früher wohl besser und die Diskussionsmeinungen schwankten zwischen «kaputt» und «Zapfen», was dann den Braten auch nicht mehr fett machte.
Apropos Braten, respektive Essen. Betreut wurde die Gästeschar von der charmanten Meta, die perfekt einschenkte und die vielen Teller einsetzte und den immer forscher werdenden Männerblicken souverän stand hielt. Und in der Küche kochte Harry Pfändler helvetisch-grossmütterlich ein währschaftes und doch königliches Essen wie man es sich sonst in seinem Restaurant Bären in Birmenstorf gewohnt ist. Ich bekam sogar die doppelte Portion Fleischvögel.
Dann folgte für mich der absolute Höhepunkt des Abends. Grosse Burgunder sind halt irgendwie immer um Nuancen grösser als grosse Bordeaux. Vielleicht, weil man es auch viel seltener so eindrücklich erfährt. Ich kann mich nicht erinnern schon einmal im Leben zu vor gleich drei Musigny’s auf einen Schlag neben einander erlebt zu haben. 1993 Musigny Leroy; ziemlich hart, einerseits Nasenreif und trotzdem Gaumenjung. (17/20). 1998 Musigny Jacques Prieur: Der barocke, tiefe Typ mit Beerentrüffelgemisch. (19/20). Und die unsterbliche Perfektion zeigend; 1999 Musigny V.V. von Comte de Vogue. (20/20). Hier folgt demnächst noch eine detailierte Story dazu im WeinWisser.
Etwas zu reif mit portigem Luffton; 1994 Monte Bello Ridge. (17/20). Als Trost stand die luxuriöse Napa-Beauty 2000 Harlan daneben. (18/20).
Als nächstes standen die wohl besten Toskana-Merlots in einer Reihe: Der mächtige, fast überkonzentrierte 2001 Masetto. (20/20). Das ist einer der wenigen Weine die eigentlich nicht vom Weinhandel, sondern vom Drogenhandel den Besitzer wechselt. Der schon fast klassisch, nach grossem St. Emilion anmutende 2001 L’Apparita von Castello die Ama folgte im zweiten Glas. (19/20). Und dann kam der erst heuige, dann bullige Pflaumen-Vanille-Schokorhumtopf der dann an der Luft doch noch etwas klassischer wurde. Aber das Handicap bestand wohl darin, dass der 2004 Redigaffi von Tua Rita halt drei Jahre jünger am Tisch war als die beiden etwas reiferen Konkurrenten. (19/20).
Bevor es zum Bordeaux ging liess Heinz Wetter die spanische Sonne im Glas scheinen. Eine echte Überraschung, weil nicht auf diesem Niveau erwartet; 1994 Pesquera Gran Reserva. (18/20). Und – wie erwartet – gross der Vega Sicilia Reserva Especial. Wie der andere Premiumwein aus dem gleichen Hause – pardon Bodega – heisst dieser auch UNICO. Doch die Reserva Especial wird jeweils mit einem Blend von drei verschiedenen Jahrgängen lanciert. Also immer genau auf die Etikette achten. Hier fanden sich die Cosecha’s 1990, 1994 und 1996 in der Assemblage. (19/20).
Zwei grosse Rhôneweine folgten. Eigentlich wären es drei gewesen doch der Cuvée Cathéline von Chave korkte. Ausgerechnet dieses, fast unauffindbare Cuvée! Der müsste nämlich ganz gewaltig gewesen sein, denn im Glas eins präsentierte sich der «normale» 2000 Hermitage Jean Louis Chave mit unendlich vielen Finessen und einem delikaten Syrah-Parfüm. (19/20). Noch feiner eine grosse Tänzerin die noch weiter südlich heranwuchs. 2000 Châteauneuf-du-Pape Vieilles Vignes Domaine Marcoux; hier hätte man stundenlang nur schon am berauschenden Kräuter-Malzbouquet riechen können. (19/20).
Trilogie Bordeaux 1989: Der perfekte und burgundische 1989 Palmer (20/20). Mit viel roten Pflaumen, Dörrfrüchten und guter Würze durchsetzte 1989 Margaux (18/20) und der bombige, erschlagende 1989 La Mission. (20/20).
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass fast alle Bordeaux des Jahrganges 1990 ausgetrunken werden sollten. Zu gross der Ertrag, zu wenig rigoros die Selektionen. Das rächt sich jetzt nach 20 Jahren Flaschenreife. Und so glaube ich, dass nicht wenige dieser wunderschönen Weine noch vor wenigen Jahren halt noch etwas wunderschöner waren. Hoch reif und definitiv zum Austrinken; 1990 Latour (17/20). Aber das behaupte ich ja schon lange. Just am Beginn einer noch mittellangen Genussreife; 1990 Léoville Las-Cases (18/20). Und ganz sicher auf dem Peak, der 1990 Margaux der schon mehr in der Nase zeigt, als er dann im Gaumen halten kann. Also immer länger riechen wie trinken. Auch hier – gejammert auf hohem Niveau. 19/20.
Auf jeden Topf gehört ein Deckel. Und nach so vielen tollen Weinen sind meist die Gaumen etwas abgestumpft und die Wahrnehmung – nobel ausgedrückt – etwas redimensioniert bis handicapiert. Also hilft nur noch die Medizin einer Down-Under-Granaten-Parade. Konsequenterweise gleich drei Mal Grange. Der beste für mich im linken Glas; 1991 Penfolds Grange (19/20). Wesentlich leichter; 1995 Penfolds Grange (17/20) und dann wieder etwas fleischiger, aber doch nicht ganz die grosse Klasse vom 91er erreichend; 1996 Penfolds Grange den ich mit 18/20 bewertete.
Als ich mit dem Zug nach Hause fuhr, war es heiss und laut im Abteil. Heiss, weil der Heizungsregler ganz rechts im roten Bereich stand. Und laut, weil ein Jägerquartett von irgend einer Versammlung nach Hause unter Absingen unter eines mir unbekannten Hallali-Repertoires sich lautsark ein gewisses Aufsehen verschaffte. Ich nahm an, dass sich diese vier demonstrativ fröhlichen Hubertusbrüder wohl alkoholmässig auf dem gleichen Niveau befanden wie ich selbst. Trotzdem schien ich irgendwie glücklicher zu sein als die grün angezogenen Mannen. Es kommt halt schon ein Bisschen drauf an, was man trinkt...
HOFFNUNG FÜR ALLE 1972ER
«Der Jahrgang 1972 ist ein Desaster», meinte der heimliche Winzersuperstar Eben Sadie vor ein paar Wochen als ich ihn auf seiner Winery im Swartland (Südafrika) besuchte.
Er musste es wissen, denn er verkostete viele verschiedene Weine von seinem Geburtsjahrgang während seiner Europabesuche.
Aus vielen Erfahrungen musste ich ihm recht geben. Ein paar knapp akzeptable, halbsaure Burgunder 1972 trank ich, einen eben so gesäuerten, durch Barriquen halbsüss gewordenen Vega Sicilia und sehr viele extrem enttäuschende Bordeaux. Also irgendwie alles Fiasko pur.
Und jetzt bescherte mir ein Zufallsbesuch im Kaufhaus Jelmoli in Zürich ein unglaubliches 1972er-Erlebnis. Ich würde es sogar – um mit dem Ende einer Beschreibung aufzuhören – als längsten Abgang der Welt deklarieren. Noch minutenlang hielt sich das wundervolle Aroma im Gaumen. Zu Fuss vom Jelmoli bis zum ersten Schluck Boddingtons im James Joyce-Pub.
Also ein 500-Meter langer Abgang! Davor bot dieses Elixier ein nasal explodierendes edel-fettes Rhum-Erlebnis der dritten Art. Im Gaumen eine Mischung von Jagertee, Kindheits-Rhum-Corubadüften, 80%-Strohrum und edleren Aromen wie Baileys, Bounty, Pina-Colada, Tahiti-Vanille, kalter Earl-Grey, Ricola, Kakaobutter, caramelisiertes Zuckerrohr, Kaffeerahm und weisser Nestrovit-Schokolade.
Das kleine, viereckige Ding kostet luxuriöse 299 Franken und es befinden sich lediglich 50 cl. Menge mit einem 58%igen Volumengehalt in der dickwandigen Flasche. Aber – kühl gelagert - kann man da an jedem Geburtstag eine kleine Pippette auf die Zunge träufeln und den Rest seines Lebens lang geniessen.
Es war der beste 72er meines Lebens und ich finde, man darf auch einen so grossen, alten Rhum bewerten. 20/20
Wer ehrliche Kaufabsichten deklariert, darf dem Jelmoli-Team einen schönen Gruss von mir bestellen und erhält eine klitzekleine Kostprobe. Nichts wie hin!
MOUTON-ROTHSCHILD 1899
Die Geschichte wäre noch viel länger. Abgekürzt: Eine Kundin lieferte die Flasche an die Weinbörse. Aber niemand war bereit für diesen Mouton 1899 das Limit zu bieten.
Vielleicht deshalb, weil der Jahrgang nicht auf dem Etikett zu sehen war. Aber die Witwe die uns diese Flasche überliess, wusste ganz genau, dass es ein Mouton von diesem Jahrgang sei. Also beschlossen wir diesen honorigen Restposten aus dem Inventar an der Generalversammlung, zusammen mit unserem Team, zu trinken. Das Füllniveau war - für das Alter der Flasche - mit Top-Schulter noch sehr gut. Allerding verschrak ich als ich den Wein vorsichtig in die Karraffe umgoss. Die Farbe war extrem hell, fast schon wässrig-hell, mit viel orangen und ziegelroten Tönen. Aber da die Farbe sehr brillant-klar war, liess sofort wieder hoffen. Und schon nach ein paar Sekunden duftete es herrlich süss zwischen meiner Nase und der Karaffe. Auch im Glas setzte sich dieses wunderschön zart-süsses Bouquet fort, Bastholz, Feigen, Kakaopulver, Reseda-Biuschtöne, gebrannte Mandeln und zerlassener Butter und sehr helles Caramel. Nicht mit viel Druck eher zart und filigran, aber doch noch schwer intakt. Im Gaumen schlank wie eine lang gezogene Schnur, nur ein paar Muskeln und Säureresten stützen den Körper, also musste man ihn eigentlich von seiner Leichtigkeit her eher mit einem hoch reifen Lafite vergleichen, tänzerisch, wieder süss und fast parfümiert im Finale, das dann doch das greise Alter deutlich zeigte, so bestand das Finale aus einer Mischung von Himbeergelée, spanischem Brandy und Sherry-Amontilladonoten. Der Ausklang, war wie das sanfte Nachhallen in einem grossen Konzertsaal nach einem leisen Finale. 19/20
Kutteln und Pétrus 1975!
Würde passen, aber ging in die Hosen, weil der honorige Pomerol (mittlere Schulter) leider müde war. Doch da war ja glücklicherweise noch ein alter Mouton...
TRENDIGE KAFFEEKULTUR FÜR JEDEN GUSTO
Kindheitserinnerungen! Manchmal durfte ich mit meiner Mutter im Dorfladen einkaufen. Sie hatte aber einen Trick mich so zu beschäftigen, dass ich nicht ständig fragen konnte, ob ich dies oder das haben konnte. Als Erstes kaufte sie immer den Kaffee und trug mir auf, dass ich ihn in der elektrischen Kaffeemühle mahlen durfte und dann an der Kasse auf sie warten solle. So fasste ich die mittelgrosse Packung, schütte die Bohnen oben rein, zwackte den Sack unten in die Klemme und stellte den Schalter auf «ein». Ein Riesenlärm entstand und die Bohnen kesselten in die vibrierende Mühle und das Kaffeemehl füllt den Beutel so, dass ich immer oben etwas drücken musste um den Beutel wieder mit dem weissen Papierdrahtband (2 Drähte) verschliessen zu können.
Doch bevor ich den Beutel verschloss, roch ich ein paar Mal an dem frisch gemahlenen, erwärmten Kaffee und genoss den wunderbaren Duft. Den Milchkaffee den die Eltern dann immer am Morgen und manchmal auch zum Nachtessen genossen trank ich damals (noch) nicht. Viel lieber Kakao. Oder „Gaggo“ wie wir in unserem Dialekt sagten.
Das war die Filterkaffeegeneration. Gute – alte Zeit!
Dann folgte die Kaffeemaschinengeneration. Man kaufte die Bohnen ganz. Auch wieder in Beuteln. Aber – man mahlte nicht mehr im Laden oder Supermarkt, sondern konnte die ganzen Bohnen in einen Behälter des elektrischen, revolutionären Haushaltapparates einfüllen. Und dabei sogar die Dosiermenge und die Feinmahlung einstellen. Was aber nicht immer funktionierte. Dann drückte man auf einen Knopf. Ein nicht unüberhörbarer Lärm bestätigte die Absicht einen Kaffee geniessen zu wollen. Und dann, ja dann füllte sich unten die kleine oder grosse Tasse von selbst. Gute – alte Zeit!
Bleiben wir beim Privatgebrauch um die neueste Stufe des Kaffeegenusses zu deklarieren. Auch hier haben wir es wieder mit einer Kaffeemaschine zu tun. Was heisst mit einer, mit unendlich vielen. Je nachdem wofür man sich entschieden hat. Eigentlich steht nicht die Marke der Maschine im Vordergrund, sondern das System. Irgend ein fein plastifizierter «Kaffee-Tampon» in dessen Innern irgend ein seit Monaten gemahlener Kaffee, von nicht genau definierter Herkunft darauf wartet, dass er durch irgend einen mechanischen Vorgang an mehreren Stellen durchstochen wird, sodass das heisse Wasser dann vielen Stellen hindurch rinnen kann, worauf sich unten irgend eine Tasse füllt und einen Teil von dem hält, was die Werbung suggeriert.
Nehmen wir mal als Beispiel den Markenleader Nespresso der auf seiner Webseite u.a. seine 16 «Grands Crus» vorstellt. Müssig alle aufzuzählen. Also habe ich mich für eine nicht repräsentative Auswahl entschieden. Es gibt da alleine 7 verschiedene Espressosorten. Meine Selection für diesen Artikel befindet sich in einer frechen Lilakapsel; der Apreggio. Das soll ein reiner, stark gerösteter Arabica aus Mittel- und Südamerika sein. Er hat einen «starken Charakter» und einen «gut spürbaren Körper» der durch Kakaonoten unterstrichen wird. Die Intensität wird mit 9 (?) angeben. Also klar etwas für jene, die sich nicht zwischen einem Kakao und einem Kaffee entscheiden können.
Wem dies zu stark ist, der fokussiere sich auf den provokativ-violetten Cosi. Denn der hat nur eine Intensität von 3. Eine Kombination der besten Arabica’s aus Kenia verleihen dieser Mischung eine «charakteristische Zitronennote». Also – wer zwischen zwei Caipirinha’s schnell einen Kaffee reinziehen will, der leidet fast nicht unter Agrumenverlust wenn er sich für den unvergleichlichen Cosi entscheidet.
Beim Fortisso Lungo (lhasa-grüne Kapsel) gibt es nebst Arabicabohnen auch etwas Robustabohnen. Die sind dann nicht ganz so raffiniert, verleihen aber dem Kaffee viel Körper und eine robuste (Nomen est Omen) Persönlichkeit. Aber die Sache hat, mit dem Vermerk auf Intensität 7, auch einen gewissen Haken. Die «intensive, separate Röstung» (Was wurde hier separat geröstet? Die Verpackung?) verpasse dem Kaffee eine gewisse Bitterkeit. Wer will schon bitteren Kaffee trinken?
Ab nach Kolumbien! Hier gibt es aus der milchig-metallischen-rosa Kapsel den sagenhaften Rosabaya de Columbia. Diese nicht kopierbare Varietät besteht ganz deutlich aus aus «Pure Origine». Wow! Er wird – gemäss Deklaration – nass aufbereitet und dann – wieder gemäss Beschreibung – in der Pergamenthülle nach Paramo de Letras gebracht. Warum nicht gleich in der Nespresso-Kapsel?
Vor lauter Schreiben bekomme ich selbst Lust auf eine Tasse Kaffee. Ich gehe vom Büro nach oben und nehme die Plastik-Wäscheklammer, die das Aroma verteidigt, vom Kaffeebeutel. Es ist ein banaler Kilosack. Ich kaufe diesen immer von einem befreundeten Wirt. Die Mischung heisst Eldorado und den Kaffeeröster aus Luzern kenne ich persönlich seit mehr als 20 Jahren. Er macht nicht viele verschiedene Mischungen, weil er sich entschieden hat, hauptsächlich einen sehr guten Kaffee zu verkaufen.
Bevor ich die noch nach frischer Röstung duftenden Bohnen in den kleinen Behälter der langjährig-treuen Haushaltkaffeemaschine einfülle, rieche ich lange und genüsslich oben am schwarz-goldenen Sack. Danach fülle ich ein paar Bohnen ein. Nicht viel, damit ich beim nächsten Kaffee wieder am Beutel als Vorspiel riechen kann. Dann wärme ich kurz die Tasse mit heissem Wasser (auch aus der Maschine). Dann drücke ich auf den Knopf und warte geduldig bis sich die Tasse gefüllt hat. Dann rieche ich ganz, ganz langsam am feinen, aber nicht übertriebenen, ehrlichen Schaum der sich wie ein Teppich auf der Oberfläche der Tasse ausgebreitet hat. Manchmal trinke ich ihn schwarz, manchmal mit einem Schuss kalter Milch. Verzeihen Sie mir bitte, dass ich ein solch simpler Kaffee-Banause bin und mit der modernsten Arabica-Kultur nicht mithalten kann!
SAUERKRAUTVERLANGEN
Wer hat das nicht? Eine Vision was man demnächst einmal unbedingt dringend essen könnte. Im Winter ein Raclette. Im Frühling Spargeln. Im Sommer Fleisch vom Grill. Im Herbst einen Rehrücken. Die Beispiele wären endlos…
Heute hatte ich mein ganz persönliches, ultimatives Sauerkrautverlangen! Es gibt da so Vacuum-Packungen beim Supermarkt mit einem (viel zu) kleinen Wienerli, einer (wesentlich zu) kleinen Tranche Speck und wenigstens zwei einigermassen hungerkompatiblen Scheiben Hausmacherwurst. Da muss man selbst dazu nur noch etwas Salzkartoffeln kochen und den anderen Rest erwärmen.
Gesagt – getan! Am Morgen degustierte ich noch ein paar Weine von Schloss Salenegg. Einst berühmt, dann von anderen überholt, dann von mir kritisiert, dann von mir «konsulentiert» und heute wieder sehr vernünftig auf dem Damm.
Also sass ich ganz alleine mit diesem Mix aus Sauerkraut, Wienerli, Speck, Hauswurst und Salzkartoffeln am Tisch. Im Hintergrund Radio Eviva mit ländlicher Musik und im Glas den 2008 Blauburgunder von Schloss Salenegg. Das ist der Normale – nicht der Barrique. Man muss wissen, dass in der Bündner Herrschaft ein normaler Pinot Noir in der Regel Blauburgunder genannt wird und der gefässerte dann meist nobel mit der Deklarartion Pinot Noir auf dem Etikett prangert. Das ist nicht ein Verdikt von Schloss Salenegg, sondern eines von fast allen Bündner Winzern. Und da liegt der Speck im Sauerkraut – respektive der Hase im Pfeffer!
Heute wird der Pinot Noir in den grischonigen Regionen wie folgt separiert: - Die einfachen, leichten sind die Traditionellen, kommen in den Stahltank oder in gebrauchte Holzfässer und heissen dann simpel Blauburgunder. - Die Besseren lümmeln in den recht teuer erworbenen Piècen (228 Liter) oder Barriques (225 Liter) und heissen dann mondän Pinot Noir.
Was viele Winzer dabei vergessen haben oder irgendwie nicht schaffen, ist der Kompromiss zwischen diesen zwei Ausbausphären. Nämlich; einen anspruchsvollen Blauburgunder in die Flasche zu füllen, der so richtig herrrlich nach Herrschaft schmeckt und trotzdem enorm viel Spass bereitet und eine gewisse Grösse aufweist. Frei nach dem englischen Motto: «We do no like competition – we are different»!
Genau so schmeckt der 2008 Blauburgunder Schloss Salenegg. Es ist kein Wein, der Chambertin-Fans umhaut oder Beaune-Freaks in Rage bringt. Sondern er ist gedacht für Weingeniesser die wissen, dass im Bündnerland der eh schon leichtfüssige Pinot Noir manchmal Blauburgunder heisst und dass dies absolut kein Deklassement darstellen muss. Genossen mit einem traditionellen Gericht ist das wie ein helvetischer Genussvorbeimarsch. Vergiss nie – woher Du kommst!
MOUTON 2000 UND WÜRSTLI
Seit seiner Geburt, respektive seit der Fassprobe im März 2001 hatte ich jedes Jahr die Möglichkeit, mindestens einmal am Mouton 2000 zu schnuppern um seine Evolution mit zu verfolgen.
Es ist ein sehr delikater, süsser Mouton, der sicherlich zu den ganz grossen Mouton-Jahrgängen gehört, dem aber dann doch ein kleines Quäntchen Genialität und Power fehlen um die Maximalpunktezahl zu erreichen.
Etikettensammler ärgern sich, weil er gar keine Etikette hat, sondern nur eine zugegeben sehr edle, goldene Flaschengravierung aufweist. Die anderen Premierbesitzer ärgern sich, weil er - seit diesem Jahrgang - in eine wesentlich grössere, luxuriösere und auch schwerere Flasche abgefüllt wurde um sich, zumindest optisch, von der Konkurrenz abzuheben. Und die Weingeniesser ärgern sich, weil er - und da ist er nicht alleine - ganz schön viel Geld kostet.
Schon wieder so Einer, dachte ich mir, als ich erstmals im Keller vom Dorfmetzger Werner Limacher in Hünenberg stand. In der Mitte provokativ protzend mehrere verschlossene Kisten Mouton-Rothschild auftürmend und rundherum zwar auch gute, aber doch eher nette Flaschen. Ich hasse Mouton-Sammler. Sammeln heisst da sehr oft - vergammeln.
Meine Freunde nahmen aus ihrem Keller auch ein paar Weine mit zum Lunch und anschliessendem Jass. Doch irgend wann ging unser Bestand zur Neige und da kam die Idee auf, dass wir doch jetzt von seinem Bestand so eine schwere Kiste Château Mouton Rothschild 2000 aus dem Keller hiefen könnten und mit einem Kaffeelöffeli (es war kein Schraubenzieher in der Nähe...) versuchen könnten den Deckel aufzubrechen um dann eine solche Flasche gemeinsam zu trinken. Ich unterstrich diese Absicht, indem ich dem Werner erklärte, dass ich eigentlich jedes Jahr einmal den Mouton 2000 degustieren müsste für eine berufsbegleitende Degustationsnotiz...
Es brauchte keine weiteren Überredungskünste und eine Minute später funkelte das tiefdunkle Rot in einer edlen Karaffe. Und einen glücklichen Moment später war ich stolzer Besitzer von einem guten Deziliter «Schäfliwein» in meinem Gabriel-Test-Glas das noch vor diesem Sommer auf den Markt kommen wird. Ich weiss jetzt nicht mehr genau, ob es an dem unglaublichen Glas lag oder am momentan unglaublichen Mouton. Auf alle Fälle bot dieser Moment ein wunderschönes Erlebnis mit guten Freunden in diesem hölzig heimeligen Carnozet.
Ein paar Minuten dampften kleine Weisswürstchen, Wienerli und pikante Minischweinswürstli auf dem Tisch. Und weil es so viele kleine herrliche Würstchen waren, musste noch eine zweite Flasche dran glauben. Danke Werner!
KAP-TOP’S: CHENIN BLANC, COLUMELLA, ANWILKA, KÄSE
Kapstadt ist, kurz nach dem Jahresbeginn, noch eine gigantische Baustelle. Die wichtigsten Strassen sind aufgerissen und es werden noch megatonnenweise Brücken zementiert. Eigentlich merkt man es bereits am Flughafen, denn auch dort fahren Lastwagen im Minutentakt mit Erdmassen hin und her und Hämmer und Pressluftbohrer bescheren ein laut akustisches «Welcome». Es muss dann alles ganz schön sein und möglichst wenig soll auf die unendlich vielen Slums hinweisen, wenn der egowichtige Sepp Blatter für die Fussball-WM in Capetown landet.
Für unsere Reisegruppe war es deutlich ruhiger in der vierten Januarwoche bei unserem Wine-Trip rund um Stellenbosch. Aber dafür gemütlicher und eindrücklicher. Das Motto war klar: Lieber viele herrliche Flaschen Weine während vier Tagen durch zwei Dutzend Freunde zu teilen, als einen einzigen Fussball 90 Minuten lang semipassiv nach zu gaffen. Jedem das Seine. Ein richtiger Fan ist man immer nur dann, wenn man etwas bewundert, das man selbst nicht kann!
Die Kapweine werden immer wieder etwas besser. Bei den Weissweinen ist man schon lange nahe bei der Weltklasse. Tendenziell etwas mehr beim Sauvignon Blanc als beim Chardonnay. Aber die Winzer haben zum Glück wieder eine alte, ziemlich heimische Rebsorte wieder entdeckt. Noch nie habe ich so gute und eindrucksvolle Chenin Blanc‘s getrunken.
Die einfacheren Rotweine sind gefälliger geworden. Hier hat man den Stil vom Early-Drinking-Pleasure mehr und mehr im Griff. Die grossen Roten sind nochmals eine Stufe präziser und auch hochstehender als noch vor zwei Jahren. Jahrgangsunterschiede werden besser erkenntlich und da und dort ist nun langsam auch der Begriff Terroir bei den Weinbeschreibungen angebracht. Die Kunst der Kapwinzer ist es den Alkoholgehalt auf einem erträglichen Mass zu halten und dabei die Gerbstoffe, die Kernen und Weinsäuren ausreifen zu lassen. Hier ist man auf gutem Weg und die Summe der sehr guten Rotweine erhöht sich kontinuierlich. Doch Weltklasseweine sind limitiert und – kaum entdeckt – oft schnell verteilt. Die Winzer beklagen sich nicht selten über mangelndes Interesse von einflussreichen Journalisten und so hat der allmächtige Weinguide Platter eine marktbeherrschende Autorität wenn es darum geht die besten Weingüter und deren Weine einigermassen transparent zu justieren.
Als Genussprodukt zum Wein passt ja bekanntlich Käse. Der grösste Fortschritt in den letzten 10 Jahren ist hier am Kap zu beobachten. Wunderbare, geschmacksvolle Exemplare in allen Kategorien sind uns hier auf dem Teller präsentiert worden. Mehrheitlich sind es Kopien von europäischen Vorbildern. Aber so was von gut! Das Betriebsgeheimnis liegt am guten Rohstoff. Nicht selten überschreitet die angelieferte Milch die 4%-Fettmarke. Wenn die Käseproduzenten es hier künftig schaffen ein paar eigenständige Produkte auf dem Markt zu bringen, sollten sich erfolgreiche Importeure wohl bald in dieser Region umsehen…
Doch zurück zum Wein. Genauer gesagt zu den gereiften Flaschen. Vor gut 10 Jahren fing ich an, die Weine vom Kap recht hoch zu bewerten. Einige davon sind jetzt ausgereift und bestanden deren Reifeprüfung mit Bravour wie meine Kostnotizen zu ein paar honorablen Flaschen mit 18 und 19 Punkten beweisen. Und der mit dem Besitzer Simon Barlow getrunkene 1982 Cabernet Sauvignon Rustenberg beweist auch ein vielleicht bisher gar noch nicht deklariertes Alterungspotential.
And the winner is? Sieger sind wie Sternschnuppen: Kaum gewonnen, kommt schon das nächste Rennen. Die Superlative lebt leider zu oft von deren Kurzfristigkeit. Wenn mich jemand danach fragen würde, was das Grösste an dieser einwöchigen Reise war, so würde ich – ohne lange zu überlegen – den Besuch beim Jungwinzer Eben Sadie im Swartland nennen. Geboren im miesen Jahrgang 1972. Weitgereist – hat er alle wichtigen und unwichtigen Rebsorten in den Produktionsgebieten bei namhaften Winzern studiert. Dass er die allergrössten Weine der Welt alle schon einmal getrunken hat, davon zeugen die vielen, leeren Flaschen die im Büro, im Cuvier und in den Fasskeller zu Hunderten herumstehen. Er hat in Südafrika nach geeignetem Terroir und alten Reben gesucht und gefunden. Nachdem er anfänglich jeden neuesten, önologischen Trend mitmachte hat er nun – aus tiefster Überzeugung – die Art seiner Weinproduktion um eine Generation zurück geschraubt. Die bisher legendärsten Weine der Welt seien nicht im Stahltank vergoren und dann in neuen Barriques ausgebaut worden. Die Verkostung seiner neuesten Jahrgänge geben ihm recht. Eben Sadie ist ein Name den sich Freunde von langlebigen, terroirbetonten Weine im Rhônestil merken sollten. Er hat das Zeug zum Kultwinzer. Einer der mit allergrösster Sicherheit dereinst mit den ganz grossen, legendären Namen in einem Atemzug genannt werden wird!
Die memorabelsten Flaschen
Südafrika mischt definitiv mit bei der Weltklasse. Nicht mit endlos vielen Weinen, aber doch so, dass auch verwöhnte Geniesser auf deren Rechnung kommen. Auch hier stiegen die Preise leicht in den letzten Jahren für die besten allerbesten Tropfen, doch noch lange nicht so, dass diese eine willkommene Alternative für die nicht enden wollende Abgehobenheit vergleichbarer EU-Qualitäten standhalten könnte.
Rotweine 1982 Cabernet Sauvignon Rustenberg: 18/20 1998 Paul Sauer Kanonkop: 19/20 1998 Shiraz La Motte: 18/20 1999 de Trafford Pinot-Shiraz. 18/20 2001 Shiraz Private Collection Saxenburg: 19/20 2004 Frans K. Smit Spier: 19/20 2004 Rubicon Meerlust: 18/20 2004 Vergelegen: 19/20 2005 Christine Buitenverwachting: 18/20 2006 Paul Sauer Kanonkop: 18/20 2006 Columella The Sadie Family: 19/20 2006 Walker Bay Ashbourne: 19/20 2007 Fusion V de Toren: 19/20 2007 Pinotage Kanonkop: 17/20 2007 Z de Toren: 17/20 2007 Cabernet Franc Raats Family: 17/20 2007 Anwilka: 18/20 2007 Friedrich Laibach Laibach: 18/20 2007 Pinot Noir Hamilton-Russel: 18/20 2008 Ugabe (Zweitwein Anwilka): 17/20 2008 Pinot Noir Hamilton-Russel: 18/20 2008 Merlot Bein Cellars: 18/20 2009 Pinot Noir Hamilton-Russel: 19/20
Die ausführlichen Verkostungsnotizen der besten Weine erscheinen im WeinWisser.
Wer Lust hat mit René Gabriel die besten Kapweingüter zu besuchen und natürlich auch die einheimische Küche, Winzer und Weine kennen zu lernen, der schreibt sich am besten gleich für die nächste Südafrikareise im Januar 2012 ein...
BIER AUF WEIN - IST AUCH SEHR FEIN
«Was Sie trinken Bier?». Eine oft gestellte Frage, wenn ich mir, vor oder nach einer öffentlichen Weinveranstaltung, ein kleines Bierchen gönne. Ich trinke gerne ein gutes Bier und stehe auch dazu. Geniessen ist Stimmungssache. Immer nur Wein kann es letztendlich auch nicht sein. Es gibt nicht wenige Gerichte, bei denen Bier sogar besser passt als Rebensaft.
Doch blättern wir zurück. Meine «Bierkarriere» hat etwas zweifelhaft angefangen. Weil ich das Schweizer-Lagerbier in den Anfängen (und das ist auch heute noch so…) geschmacklich nicht mochte, liess ich es mir mit Grenadine-Sirup «verfeinern». Das ist jetzt schon mehr als 30 Jahre her und ich beschreibe diese Phase als Übertritt vom Sirupalter in das mühsame Erwachsenwerden. Da ich Koch als Beruf erlernte, merkte ich schon bald, dass meine Gerichte den Gästen noch besser schmeckten, wenn ich dazu einen anständigen Wein servierte.
1978 lernte ich Englisch in London. Nicht nur Sprachkenntnisse, sondern ich entwickelte dort auch ein Fabel für die englischen Biere. Gegen den Durst; ein Ben Truman. Für den grossen Genuss; ein Trophy Bitter. Um gut schlafen zu können; ein Youngs Special (halbes Pint im grossen Glas) und dann einen Ramroad (zum Auffüllen). Das war dann ein Self-Made-Baukastensystem für das so genannte beste «Light and bitter».
Weil es in der Schweiz zur damaligen Zeit noch keine Englischen Biere gab, ausser in den aufkommenden Pub's, begann ich selber englisches Bier her zu stellen. Dose auf, mit Zucker und Wasser aufkochen. Temperatur auf 22 Grad absinken lassen. In einen sauberen Plastikkübel füllen. Das kleine Hefepulverbrieflein, das vorher auf der Dose klebte, öffnen und sorgfältig einrühren. Schliesslich ein sauberes Tuch mit Wäscheklammern darüber fixieren (damit keine Fliegen den Heldentod sterben…) und dann im dunklen Heizungsraum 3 Wochen lang gären lassen. Schliesslich mit einer kleinen Dosis Zuckerlösung in die Flasche füllen, verschliessen und im kalten Frigor reifen lassen. Not und Durst machen eben erfinderisch.
Heute gibt es eines der besten englischen Biere in Dosen zu kaufen. Ein paar dieser gelben Dinger, auf denen Boddingtons steht, zittern permanent in meinem privaten Weinkeller. Bin ich jeweils an der London-Wine-Trade-Fair, degustiere ich meist bis zu 100 Weine am Tag. Als Bonus gönne ich mir dann jeweils im Warwick Inn Fisch and Chips und trinke dazu ein Pint Cafreys. Und zu einer danach folgenden Cigarre gleich noch Eines. Guiness: Nein – das mag ich nicht. Ich trinke schliesslich auch keinen kalten Kaffee der bitter schmeckt.
Bier aus Österreich? Lustig sammer – Puntigammer! Gösser Bier ist unerreicht – vier getrunken – fünf geseicht! Doch Spass beiseite. Ja – gerne sogar. Es gibt Nichts Schöneres als an einem langweiligen, nie endenden Dinner so zwischendurch aus dem Saal abzuhauen und dann heimlich ein Zipfer zu zupfen. Oder zu einem deftigen Essen ein Eggenberger Bier. Mein persönlicher Favorit: Hirter Pils. Das gibt es beispielsweise im Weibel's Wirtshaus in Wien im Offenausschank.
Deutsche Biere? Fangen wir mit einem Witz an: Ein Amerikaner sitzt im Hofbräuhaus und bestellt sich eine Mass nach der Anderen und isst dazu auch noch den Bierdeckel auf. Nach fünf Runden bestellt er wieder: «Nocch eine Biär – aber no Biscuit!». Warsteiner ist sehr gut. Schneider Weisse würde ich gerne trinken, aber die Kohlensäure ist derartig grobschlächtig, dass sich der peinliche Rülpsfaktor, lautstark etabliert. Also heisst die Alternative: Erdinger, manchmal hell, gerne auch zwischendurch in dunkler Form.
Und die tollen Belgier Gerstensäfte! Ein fülliges Leffe ist wie eine doppelte Kraftbrühe. Dann das einfahrende Duvel. Oder das federleichte Hoegaarden; das ist ein Bière blanche, welches mit Curaçao bleu und Koriander gewürzt ist. Kürzlich habe ich auf einer Motorradtour in der Tschechei vor dem Einschlafen ein ganz frisches Budweiser getrunken. Hat mir sehr geschmeckt. Heineken ist auch passabel. Wird aber von mir höchstens in Ermangelung von Alternativen getrunken.
Und die Schweizer Biere? Leider ist das meiste ein lascher, fader Standard. Wir haben vielleicht mitunter die besten Quellwasser der Welt, aber die Brauer schaffen es nur selten, diesen Heimvorteil in die Flasche zu bringen. Meist sind es die Privatbrauereien die hier den Karren aus dem Dreck ziehen müssen. Ittinger Klösterbräu beispielsweise. Oder das Appenzeller Mondbier von Locher. Ein herrlich frisch gezapftes Ueli Bier in Basel. Das Warteck Alt (leider nur noch spärlich zu finden..). Am Glücklichsten bin ich bei einem Ratshaus Bier in Luzern. Dazu esse ich dann Rauchwürste mit Kraut und rauche später einen billigen, aber mir schmeckenden Villiger-Stumpen. Da kann es dann schon mal passieren, dass ich erkannt werde und schon liegt wieder die sehr originelle Frage in der Luft: «Was Herr Gabriel – Sie trinken auch Bier?».
Entdeckt - aber noch nie getrunken:
Gabriel-Bier aus Portugal in eine edle Champagner-flasche gefüllt.
Wer kann mir dieses besorgen?
PIZZA ORNELLAIA
An dieser Stelle verrate ich Ihnen, wie Sie eine ganz spezielle Pizza-Kreation selbst zubereiten können. Sie brauchen dazu kein Pizzaiolo zu sein…
Man suche sich als Erstes ein gutes, italienisches Restaurant aus. Also eines, welches über eine gute Weinkarte verfügt – aber trotzdem noch Pizza anbietet. Nun wissen Eingeweihte natürlich was zum Beispiel eine Pizza Margherita ist. Das ist die mit Tomaten. Und wer weiss, was auf italienisch Prosciutto heisst, ist soweit informiert, dass über dem dünnen, tomatierten Teigboden etwas Schinken umher lümmelt.
Bei der «Quatro Stagioni» wird es schon schwieriger. So, wie wenn man die vier nicht vorhandenen Nebendarsteller beim «Dinner for One» aufzählen müsste. Aha, Sie kennen den schwarzweissen Flimmerfilm von Freddy Frenton und haben auch bereits angefangen zu studieren, wer die vier imaginären Tischgenossen waren. Also hier, als Zwischenresultat dieser Pizza-Geschichte die vier Namen. Ja – ich weiss, Sie hätten es gewusst: Admiral von Schneider, Mister Pomeroy, Mister Winterbottom und… Sir Toby.
Doch zurück zu meiner «Pizza Ornellaia». Und hier das relativ simple Rezept:
1. Man(n) bestellt sich irgend eine Pizza. 2. Man(n) ordere dazu eine halbe Flasche Ornellaia
Törö! Und schon haben Sie die unvergessliche «Pizza Ornellaia». Versuchen Sie es einmal. Ist genial. Oder vielleicht eine Pizza Sassicaia, Pizza Solaia oder gar eine Pizza Masseto. Die Formel ist immer gleich: Billig essen – teuer trinken…
1878 CHÂTEAU MOUTON-ROTHSCHILD (VERY LOW SHOULDER)
Wenn nicht am Schluss noch ein paar ganz grosse Mouton’s im Glas gewesen wären – so hätten fünf sensationell gelungene Jahrgänge vom hauseigenen Rothschild-Cinquième-Cru Château Clerc-Milon dem wesentlich teureren Premier fast die Show gestohlen…
Ort: Restaurant Old-Swiss-House zum alljährlichen Mouton-Memory-Treff. Gleich zu Beginn musste ich gute und schlechte Nachrichten verkünden: Die schlechte: Der 1995 Mouton korkte. Die gute: Philipp Buholzer hatte noch zwei Kisten in seinem Keller. Die schlechte: Nicht im Restaurantkeller, sondern am anderen Ende der Stadt. Die gute: Trotz schlechtem Schneewetter war er bereit eine Flasche dort zu holen. Die schlechte: Er war mit seinem Motorrad da. Die gute: Bereits nach einer Viertelstunde war er wieder zurück. Die schlechte: Er fiel direkt vor dem Restaurant im Scheckentempo auf die Schnauze. Die gute: Die Flasche Mouton 1995 blieb ganz.
Clerc-Milon: Dieser Cinquième ist eigentlich viel zu wenig bekannt. Etwas gröber in der Ausstattung als der Grand-Puy-Lacoste und nicht so bombig wie der Lynch-Bages, gehört er doch (noch) zu den eher unerkannten Grand-Cru-Werten der Médoc-Klasse. Jung und fleischig der 1986 (18/20). Diskret und fein wie ein nobler St. Julien – der 1988 (18/20), Füllig und heiss wie ein anspruchsvoller Pomerol, der 1989 (18/20), sexy und ziemlich sicher besser als der Mouton aus dem gleichen Jahrgang, der 1990 (19/20), und noch jung und erstaunlich konzentriert, der 1995 (18/20).
Weniger spektakulär waren dann ein paar schwierige Mouton-Jahrgänge wie 1969, 1972, 1981, 1984. Eine hochschlanke, aber noch intakte Magnum Mouton Baronne 1978 (16/20). Eine korkige Magnum 1980 Mouton. Würzig und voller Aromen, eine vom Etikettenkünstler Hans Erni handsignierte Magnum Mouton 1987 (18/20). Seit Jahren ist dieser kleine Jahrgang immer noch ganz gross. Motto: Öffnen und saufen! Und eine noch total verschlossene Magnum 1994 (19/20). Hier war die Normalflasche letztes Jahr deutlich präsenter.
Fünf grosse Moutons zum Schluss: Eine erotische Pauillac-Caramel-Pralinen-Weincreme, der 2003 (19/20), total verschlossen und kompakt mit viel Potential der 1995 (19/20), extrem tiefschürfend schwarzen Aromen der unzerstörbare 1986 (20/20), pferdig-süss mit Perubalsamtouch, der 1983 (19/20) und eine sensationelle Flasche 1982 (20/20) mit dem berühmten Cassis-Röstton in Reinkultur und Perfektion.
Klar wusste ich aus ein paar früheren Erlebnissen, dass der Bordeaux-Jahrgang 1878 ganz gross sein könnte. Aber was erwartet man von einer Händlerabfüllung Mouton aus diesem Jahrgang, wenn in der Flasche der obere Viertel Flüssigkeit fehlt? Ich hatte zwar mal die Theorie aufgestellt, dass – wenn nur Wein raus läuft, zwar der Schwund gewaltig sein kann, aber trotzdem der Wein vorne abdichtet und so die Oxydation verhindern kann. Als Beispiele hatte ich den 1881 Léoville-Barton, den 1878 Pontet Canet, 1878 Lagrange und den 1899 Branaire Ducru in Erinnerung, die alle mit dem höchst gefährlichen Niveau «very low shoulder» (sehr tiefe Schulter) ausgestattet waren. Also nicht mehr in der Schulter selbst, sondern bereits nur noch im obersten Drittel des geraden Flaschenteils. Und alle diese Flaschen zeigten sich noch zwischen sehr gut und gross. Also wie würde dann dieser 1878 Mouton sein, den ich ohne zu dekantieren, direkt nach dem Öffnen, ohne vorher zu probieren, den Gästen persönlich einschenkte? Er war gewaltig! 1878 Château Mouton-Rothschild: De Luze-Abfüllung, very low shoulder. Die Farbe extrem dunkel, nur Nuancen von Reifetönen zeigend und noch in leuchtend mit sattem, dunklem Weinrot in der Mitte. Der Duft war von Beginn weg schlichtweg umwerfend, süss, süss und nochmals süss, also typisch Mouton-like, viele Kräuter, Zitronenthymian ganz zuforderst, dann etwas wilder Rosmarin und zärliche kleine Minzblätter, sowie würzig-trockenes Rosenholz, darin noch erstaunlich viel Fruchtresten. Im Gaumen durch seine noch sehr präsenten Gerbstoffe im Charakter gestützt, die Tannine wiederum süss, sich mit dem Fleisch und dem Extrakt vermischend und auch hier noch deutliche Fruchtresten die sich mit einem markanten Terroir-Parfüm vermischten. Ich beobachtete den Wein gut eine halbe Stunde lang. Er stand da wie eine «önologische Eins» und legte immer wieder um feine Nuancen zu. Ein grosses, legendäres Pre-Philoxera-Altweinerlebnis. 20/20 austrinken
LATTE MACCHIATO
Die neueste Generation des ultimativsten Kaffeegeniessens ist längst schon da. Das ist der «Latte Macchiato». Es geht hier darum in ein relativ hohes, recht dickwandiges Glas in einem aufwändigen Arbeitsprozess unten Milch, in der Mitte einen Espresso und oben Milchschaum zu produzieren. Fein säuberlich getrennt bitte!
Zu 90 Prozent bestellen sich Frauen einen Macchiato. Das ist bitte nicht frauenfeindlich, sondern statistisch erwiesen. Vom Warenaufwand (und vom Geschmack) ist der Macchiato gleich teuer wie ein stinknormaler Milchkaffee. Kostet aber das Doppelte. Wegen der Handarbeit!
Steht der Macchiato einmal auf dem Tisch, wird sofort ganz kritisch geprüft, ob die drei verschiedenen Schichten Milch, Kaffee und Milchschaum perfekt separiert wurden. Und das diese sich farblich klar unterscheiden wie zu erwarten und somit klar die Abgrenzungen respektieren.
Ist der Serviceangestellte dann ausser Sichtweite, greift man sich den langen Löffel und rührt sich seinen heiss geliebten Macchiato kräftig um. Also ist diese neueste Kaffeegeneration bereits schon wieder degeneriert…
Möchten Sie mal einen Korken aus einer leeren Flasche zaubern? Hier
LATOUR-LUNCH
Die Idee ist nicht neu. Man(n) bitte Weinfreunde je eine schöne Flasche für einen Lunch mitzubringen und schon entsteht daraus eine recht schöne Raritätenprobe. André Kunz kennt viele Weinfreunde und viele dieser Weinfreunde hatten eine honorige Flasche Latour im Keller. Die Betonung liegt auf «hatten»...
Denn an einem stinknormalen Mittwochmittag trafen sich 13 Weinfreaks aus der Schweiz und Deutschland im Restaurant Kreuz Emmen um eben diese raren und teuren Flaschen entkorken zu lassen. Glücklicherweise brachte Gerhard Müller-Schwefe gleich zwei Flaschen Latour mit – sonst wären wir – was die Rotweine betraf bei der Unglückszahl 13 gelandet. Und auch die Sauternesfreunde schwelgten nicht im Unglück, denn ein Erstweltkrieg geschädigter 1914er Coutet bot ein unerwartet grosses Süssweinvergnügen.
Die Latours verkosteten wir in vier Serien mit jeweils drei oder vier Jahrgängen. Klar der beste und schon fast ein Überwein dem man eigentlich 21/20 Punkte verleihen müsste, war der 1961! Doch auch sonst sorgten viele andere grosse Flaschen dieses extrem tiefgründigen Pauillac’s für beruhigende und doch emotionelle Weinmomente.
Kann es sein, dass ich bereits in den ersten Tagen des neuen Jahres meinen vielleicht besten Wein für das Jahr 2010 im Glas hatte?
Niemand der Gäste hatte einen trockenen Weisswein dabei! So begann ich halt den Reigen mit einem 1995 Corton-Charlemagne von Joseph Drouhin der sich voll, mit viel duftendem Honig zeigte, vermischt mit einer ganz feinen, passender Botryris. (18/20). Beim ersten Blinderratungswein mussten wir leider einen fiesen, milden Korken feststellen. Sonst bin ich mir sicher, dass die 1976 Riesling Auslese Heppenheimer Centgericht von der Verwaltung der Staatsweingüter Eltville ein sehr grosses Erlebnis gewesen wäre. Somit kam Jürg Richter etwas schneller zum Zug und überraschte mit einem 1925 Sigalas Rabaud der so schmeckte wie ein ganz grosser, alter Sauternes, nur etwas schlanker, was ihm zu viel Eleganz verhalf, bei feinrassiger Säure die ihn noch sehr lebendig erscheinen liess. (19/20).
Die Teilnehmer rätselten beim ersten Rotwein. Doch keiner der Anwesenden hätte einem 1990 Vieilles Vignes von Château Bouscassé (Madiran) diese Klasse zugetraut. Die garstige Traubensorte Tannat kann offensichtlich halt doch ganz gross werden, wenn das Klima stimmt. (17/20). Beim nächsten Blindwein waren wir recht schnell in der Appellation Rhône. Und der Produzent war auch recht schnell erraten. Der 1998 Hermitage von Jean-Luis Chave hat halt viel Eigencharakter. Einzig die Diskussion entstand, ob man den nicht reifer trinken sollte. Max meinte dann, man soll ihn einfach immer trinken, wenn sich die seltene Gelegenheit bietet - egal wie alt.
Dann zwei Gläser zur Hauptspeise: Links der mächtige, mit Cerealien durchsetzte, schon fast pomöse 1934 Haut-Brion (20/20). Perfekte Flasche - just von einem serösen Händler aus England, dank günstigem Wechselkurs Franken-Pfund gekauft. Und rechts der viel leichter erscheindende, süss-elegante, aber für einen 1947er nicht wahnsinnig konzentrierte Calon-Ségur (17/20). Sigi Hiss als Spender.
Zum Finale eine rote und eine süsse Sternstunde. Zuerst zum Beeler-Käse eine Legende aus dem Keller von Max Gerstl: 1959 Lafite-Rothschild. Fast schwarze Farbe. Junges Bouquet mit einer berauschenden Süsse von hoch reifem Cabernet, Kräutern und Minze. Im Gaumen komplex und perfekt. (20/20). Es muss dann im Jahr 2010 schon noch was Gewaltiges kommen, damit dieser Wein zu schlagen ist. Vielleicht hatte ich also in den ersten Tagen dieses neuen Jahres bereits den «Wine of the year» im Glas.
Und zum hausgemachten Himbeer-Schoko-Tiramisu aus dem unerschöpflichen Sauternesreservat von Jürg Richter das Finale: 1920 Vin de tête von Château Guiraud. Eine Spezialabfüllung die auch absolut spezial ist! Nougat, Orangeat, gerösteter Sesam, Hagebuttengelée und frisch gebackenes Butterflygebäck. (20/20)
POSITIVER EGOISMUS
So ein Quatsch! Was soll positiv sein, wenn man von Egoismus spricht?
Mit Egoismus meint man nämlich Eigennützigkeit, Ich-Sucht, Selbstsucht und eine überdimensionierte Eigenliebe. Der so Handelnde kann es nicht akzeptieren, wenn andere Menschen ihm gegenüber das gleiche Verhalten zeigen. Der Egoist räumt sich also selber mehr Freiheiten ein, als er anderen zugesteht.
Wie sagte doch einst der Radioreporter Ruedi Josuran: «Wenn Sie heute einem Egoisten begegnen, dann seien Sie recht freundlich zu ihm – denn er hat Niemanden ausser sich selbst.»
Um nicht als Egoist zu gelten, braucht es ein gewisses Quantum Altruismus und eine gehörige Portion Solidarität. Damit verstehe ich eine bestmöglich sozial gelebte Kompetenz. Aber zu viel permanentes Geben kann auch in Selbstlosigkeit mutieren.
Das ist dann der Fall, wenn über längere Zeit, der von mir in diesem Schreiben deklarierte «positive Egoismus», nicht richtig gelebt wird und jemand plötzlich ausbrennt. Ihr kennt den Begriff bereits: «Burn out!» Man merkt es leider meist erst – wenn es viel zu spät ist.
Man vernachlässigt nach und nach Partner, Familie, Freunde und Hobbys. Wochenenden und Ferien sind nicht konkret geplant. Es gibt in diesem falsch eingefädelten Alltag keine Möglichkeit aufzutanken oder sich richtig zu entspannen.
Die Zeit, die man zu viel arbeitet – kriegt man nie mehr im Leben wieder zurück! Auch wenn man sich früher pensionieren lässt. Doch das hebt sich eh wieder auf, weil Leute, die zu viel arbeiten, immer das Gefühl haben werden unabkömmlich zu sein - bis zum Greisenstatus.
Was ist positiver Egoismus?
«Nehmen Sie die Sauerstoffmaske und stülpen Sie diese über Ihr Gesicht – dann helfen Sie Kindern und Schlafenden», heisst es bei der Demonstration der Sicherheitsmassnahmen vor dem Flug. Instinktiv würde jede Mutter zuerst dem Kind helfen und dann sich selbst. Und genau dieses Verhalten könnte in einem solchen Ausnahmefall fatale Folgen haben. Es ist also ein demonstratives Beispiel des positiven Egoismus, den ich noch anhand anderer Beispiele erklären will.
Man erreicht durch die richtige, teilweise langfristige Koordination seines eigenen Lebens die bestmögliche persönliche Ausgeglichenheit. Nichts Faules – nichts Extremes! Alles, was man tut, schafft man relativ locker und dabei schaut man immer wieder zu sich selbst, indem man die Grenzen zwar manchmal, aber nicht permanent auslotet. Nur wer mit ausreichenden Reserven durch das Leben schreitet, wird weniger krank und fällt anderen nicht irgendwann zur Last. Motto: «Jeder hat in seinem Leben – auf sich selber acht zu geben».
Wer ein gutes Lebensgefühl erreichen will, der richtet sich eine imaginäre Gefälligkeitsbank ein. Das ist die mächtigste Bank der Welt! Jeden Gefallen, den man anderen tut, ergibt ein Guthaben, wenn man mal selbst in der Klemme ist. Der Schriftsteller Paolo Coelho hat dieses System in seinem Buch «Der Zahir» eindrücklich beschrieben. Und es gibt sogar eine Webseite, die dieses System verdeutlicht: http://www.gefaelligkeitsbank.ch/
In diesem Sinne wünsche ich Euch ein positiv-egoistisches Neues Jahr!
SYLVESTER
KISS - so läuft unser Sylvester jeweils ab. Einfach! Eben nach dem englischen Motto: «Keep it simple and stupid». Wir feierten in unserem Ferienhaus am Murtensee mit ein paar Freunden.
Zum Apero ein paar getoastete Milchbrotscheiben. Darauf ein feuerroter, mild geräuchter Alaskalachs. Dazwischen eine fein-scharfe, hausgemachte Washabi-Mayonnaise. Und wer kein Lachs mochte, griff halt nach den Gänseleberscheibchen auf denen ein hausgemachter Sauternes-Gelée (mit Rieussec 1987) drappiert war. Im Glas eine Magnum 2008 Riesling Ried Schütt von Emmerich Knoll.
Auf dem Teller: Bratkartoffeln mit frischem Rosmarin. Die kleinen Kartoffeln extra einen Tag zuvor gekocht und an der Schale gelassen und kurz vor dem Bräteln erst geschält. In dankbarer Erinnerung an meine Mutter die diese Köstlichkeit jeweils «Goldhärdöpfeli» nannte. Daneben gefüllte Tomaten mit Maiskörner und Peperoni, mit geriebenem Käse gebunden und Dörrbohnen mit Speck und viel Knoblauch. Eine mit Schweinsfüssen und viel Rotwein über Stunden gegarte, braune Sauce und unanständig viel grossen Morchelstücken darin. Und im Zentrum des Tellers: Ein gut gelagertes Kalbscarrestück mit abzunagenden Knochen. Den knusprigen Aussenmantel verpassten wir dem imposanten Stück mittels Gasgrill der vor dem Haus steht.
Dazu: Eine Magnum 1996 Pape-Clément; fein elegant, würzig. (19/20) und eine weitere Magnum 2000 Valandraud (19/20). Viel Druck aber dann doch nicht so überladen wie man es von einer Kombination Valandraud-2000 erwarten würde. Insgesamt ziemlich sexy und zu recht grossen Schlucken animierend. Was mich dazu zwang noch einen 1959 Volnay Caillerets von M.L. Parisot zu entkorken. Ich hatte ihn aber bereits im Vorfeld bereit gestellt, weil ich damit den beiden 1959er-Gästen eine Freude bereiten wollte die in diesem Jahr den 50ïgsten Geburtstag feierten. Der Wein voll und erstaunlich jung mit viel pflaumiger Süsse. (19/20).
Zum Kaffee genossen Kaspar und ich einen 1865er Cognac. (Geschichte siehe unten). Und unter freiem Himmel dann den Mitternachts-Glockenschlag vom Radio DRS durch die Aussenlautsprecher mit einem 2003 Riesling Ried Schütt von Emmerich Knoll. Warum ich ausgerechnet diesen auswählte? Weil ich irgendwo mal las, dass man immer so aufhören soll wie es angefangen hat...
Mit Schwung ins neue Jahr.
Als besonderen Leckerbissen: Ein Cognac vom Jahrgang 1865
1865 GRANDE FINE CHAMPAGNE: WEDER BURGUNDER NOCH CHAMPAGNER
Hand aufs Herz! Was würden Sie unter dem Bergriff «Grand Fine Champagne» verstehen? Am einfachsten: ein grosser feiner Champagner. Doch die Flasche die ich im Rahmen eines Kellerkaufes erwarb hat nicht die Form eines Champagners und es waren auch keine Bläschen im grünlichen Glas festzustellen. Was könnte es wohl sein, wenn dann auf dem Etikett noch Chevillot, Proprietaire à Beaune (Côte d'Or) drauf steht. Ein Burgunder? Doch da müsste die Flasche eigentlich bauchig sein und nicht à la Bordelaise?
Ich stehe im Keller von einem guten Freund irgendwo in der Nähe von Bern. Mein Freund weiss, was ihm schmeckt. «Momentan verrecke ich fast wegen dem 1996 Château Calon-Ségur aus St. Estèphe». Vielleicht noch ein paar 1995er Bordeaux. Ja Bordeaux sowieso, am liebsten etwa ein Dutzend Jahre alt oder jünger. Aber nicht älter. Und nur Bordeaux – sicher keine Burgunder. Er hätte kürzlich bei einem Kollegen einen ganz grossen Keller gekauft und bereits schon alles wieder verkauft oder in seinen Keller getragen was er davon mochte. Und jetzt muss er nur noch dieses alte Zeugs los werden. Und Gabriel wäre sicherlich ein möglicher «Wein-Erwerbs-Restposten-Kandidat».
Ich schaue mir die alten Burgunder an. Gute Produzenten, schöne alte Jahrgänge, die ich für meine Raritätenproben gebrauchen kann. So zum Beispiel: 1919, 1928, 1934, 1947 etc.
Die Füllniveaus sind erstaunlich hoch – also wenig Schwund in den Flaschen – was auf einen guten Keller hinweist.
Ich versuche auf eine Pauschale hin zu arbeiten, weiss aber noch nicht, wie viele Flaschen ich dann kaufen würde. Der Verkäufer ist an der Ware desinteressiert, also passe ich mich im Einkaufsgespräch dieser Stimmung an und wir pegeln uns bei einem Flaschenpreis von 30 Franken ein. In einer Ecke, sehe ich dann zwei Flaschen mit dem Jahrgang 1865! Dort drauf steht Grands Vins de Bourgogne – Grande Fine Champagne. Ich kombiniere blitzschnell. Aus meiner Lehrzeit kenne ich ja noch die Qualitätsabstufungen beim Cognac. Petit Bois, Grand Bois, Petit Champagne, Fine Champagne und Grande Champagne.
«Und diese zwei da?», frage ich vorsichtig. «Ach das ist weisser Burgunder, die Flaschen sind kaputt. Wenn Du diese willst, dann schenke ich Dir diese dazu!».
Bevor er sich es anders überlegen kann, lege ich diese Raritäten vorsichtig in ein 2er Holzkistchen zu den anderen, bereits gekauften Weinen. Es sind am Schluss etwa 30 Flaschen und der Gesamtbetrag – zusammen mit einer Flasche Ducru-Beaucaillou 1961 und einer Flasche Château Ausone 1949, beläuft sich total auf 1120 Franken. Der Deal ist gemacht und beide Kontrahenden dieses Deals sind glücklich.
Es ist kurz vor zwölf Uhr Mittags, als ich mich verabschieden will. Nein – ich dürfe noch nicht gehen. Ein Kollege käme noch und er hätte noch etwas Wein für uns vorbereitet und kaltes Fleisch und frisches Brot eingekauft. So gehen wir nach oben. Auf dem Tisch steht links ein 1997 Chevalier-Montrachet und rechts ein 1983 Château Margaux. Es wird eine gemütliche Stunde mit diesen besonders feinen Weinen und ich fahre nach Hause und kann es kaum erwarten, dass ich nach dem Nachtessen diese ganz alte Cognac Flasche vom Jahrgang 1865 entkorken kann. Wie er schmeckte, verrate ich am Schluss dieses Geschichtleins. Eines vorweg – er war genial. Also war es doch insgesamt ein «sehr fairer Deal» - oder?
1865 Grande Fine Champagne Chevillot. Zwar als Grand Vins de Bourgogne auf dem Etikett angepriesen. Aber es befand sich ein veritabler, ganz grossen Cognac darin. Die Farbe dunkelgelb mit rotgolden und bernsteingrünen Reflexen darin. Das Bouquet abgeklärt, weich und anmutig, mit Strohnoten, Curcumaschimmer, Rosinentönen und noblem Branntweinton, dezent süssliches Holz noch dahinter. Im Gaumen samtig, weich, mit viel saft und völlig intakt, die Balance ist sehr elegant und der mehr als 130järhige Cognac klingt minutenlang nach. Hat nicht nur mir, sondern auch vielen meiner Freunde sehr viel, andächtige Genussfreude bereitet. 20/20
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