ADIEU MICHEL ROLLAND



Er war 78 Jahre alt und noch voller Tatendrang. Michel Rolland hat die Weinwelt verändert wie kein Zweiter. Wein-Consultants gab es vorher schon. Meist gelernte Professoren, welche berühmte Weingüter mit externen Ratschlägen unterstützen und bei der Assemblage halfen. 


Michel Rolland revolutionierte viele Weingüter! Verhalf zu viel besseren Weinen. Nicht nur beim Verschnitt, sondern in allen Prozessen von der Traube bis in die Flasche. Er wusste, was die Konsumenten wollten. Er wusste aber auch, was sein Freund Robert Parker wollte. Dort wo Rolland als Consultant eingesetzt wurde, stiegen in der Folge die begehrten 100/100-Scores.  


Wir sind uns früher ab und zu im Bordelais begegnet. Er hat mich immer akzeptiert, was für einen nicht ausgebildeten Weinverkoster schon ein ziemlich grosses Kompliment war. Einmal durfte ich für eine ganz besondere Geburtstagsparty beim Beschaffen der Weine (Latour, Lafite, Mouton, Margaux, Haut-Brion, Pétrus etc.) – alle vom Jahrgang 1947 – helfen und beim grossen Weinfest dabei sein. Der Event fand auf Château Jonqueyres statt. Gastgeber war Jean-Michel Aurcaute (Château Clinet), Michel Rolland und Robert Parker. Was dieses Trio, nebst den Weingemeinsamkeiten verband? Alle waren im Jahr 1947 geboren. 


Später begegneten wir uns sporadisch auf Weingütern, wenn er grad am Arbeiten war. Aber auch beim Spaghetti-Plausch bei Sophie Fourcade (Clos St. Martin), auf Faugères mit Silvio Denz oder aber auch bei mehreren Diner-Einladungen auf seinem eigenen Weingut in Fronsac (Fontenil). 


Das gemeinsame Foto ist vor ein paar Jahren im Napa Valley auf Sloan entstanden. Da waren wir gemeinsam am Diner-Tisch. Nebst eigenen Weingütern war er mit seinem Team für über 100 Weingüter in aller Welt engagiert. So trafen wir uns auch mal auf Lapostolle in Chile. 


Als ich ihn einmal über sein für mich nicht ganz nachvollziehbares Engagement in Indien interviewte meinte er lakonisch: «Das war bisher mein grösster Erfolg. Ich konnte die Weine von untrinkbar in trinkbar switchen!».   


Damals erzählte er mir, dass er praktisch nur ein halbes Jahr im Bordelais weile und den Rest des Jahres als «Flying Winemaker» unterwegs sei. Jedes Mal, wenn er im Flieger zurück nach Bordeaux unterwegs sei, dann freue er sich auf ein Omelett mit den heimischen, schwarzen Steinpilzen. 


Nun ist Michel im Alter von 78 Jahren in der Nacht vom 20. März an einem Herzinfarkt gestorben. Unzählige, durch ihn verbesserte Weine werden mich an ihn erinnern. Er war der Initiant der «modernen Weine» und vielleicht hat er zu Beginn seiner unglaublichen Beratungskarriere die Barriquen-Grenzen manchmal reichlich grosszügig ausgelotet. Doch die letzten zwei Jahrzehnte hat er mit seinem unglaublichen Erfahrungsschatz jeden Wein in seiner Eigencharakteristik unterstützt, neue technische Möglichkeiten adaptiert und die minutiöse Qualitätskontrolle in allen Produktionsetappen stetig adaptiert. Dabei hat er viele Nachfolger generiert und ausgebildet. Sein enormes Wissen wird also weiterleben. Leider im Gegensatz zu ihm. 


Merci Michel! 




MAGNUM-RARITÄTEN IM ZUNFTSAAL


Der 14. März 2026 wird 44 Weinfreaks aus ganz Europa wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Denn – genau so viele Gäste sassen am langen, festlich gedeckten Tisch im Zunftsaal zur Waag in Zürich.  Im Zentrum; rare Magnumflaschen mit einer Jahrgangsflügelspannweite von 1945 bis 1982.

Vorwiegend aus dem fürnehmen Bordelais. Ergänzt durch Italien, Spanien und Portugal.  Ganz am Schluss kam dann noch 1963 Taylors Vintage ins Gabriel-Glas. Der war leider weniger gut drauf wie der Gastgeber Jürg Richter. Obwohl aus demselben Geburtsjahr wie der Organisator. Doch zu diesem Zeitpunkt waren alle Gäste längst schon restlos glücklich. Ausser den wenigen – vom altersbedingten, respektive generellen Lagerrisiko berechenbaren Ausfällen – zeigte sich das Gros in beeindruckender Form. Und wenn mal ein Grossflacon nicht so richtig performen wollte, dann griff der Gastgeber redundant zu Ersatz-Magnums.  Wenn selbst dies noch nicht ausreichte, so konnten sich die Gäste mit zwei honorablen «Nochgrösser-Flaschen» Tischwein trösten. 


Der grosse Gabriel-Bericht findet man unter Tasting Stories ...



PILATUS WEINFREUNDE & PESSAC-LEOGNAN

 

Zwei Faktoren beeinflussen den Titel! Zum einen der Begriff «Pilatus Weinfreunde». Zum anderen geht es um eine Sub-Appellation der Graves-Region im Süden der Stadt Bordeaux.


Die Pilatus Weinfreunde heissen so, weil jedes «Mitglied» von seinem Wohnort aus mehr oder weniger theoretisch den Pilatus sieht.  Was wiederum erklärt, dass die acht immatrikulierten Weinmannen alle aus der Zentralschweiz stammen. Ihre Freundschaft ist durch den Wein verbunden. Jeder hat mehr oder weniger zu viele Weinflaschen im Keller, welche er gerne mit Gleichgesinnten teilt.  Es gibt nämlich nichts Schlimmeres für einen Weinfreak, eine sorgfältig gehütete Weinrarität mit Banausen teilen zu müssen.


Man könnte die Weinfreunde Pilatus – vom System her – auch als Verein deklarieren. Einfach ohne jährlichen Mitgliederbeitrag und ganz ohne Statuten. Das System ist einfach, aber reichlich effizient …  Die Mitgliedschaft kostet de facto sieben Mal Nix. Dies deshalb, weil acht Männer zum amikalen Bereich gehören. Sieben Mal ist jeder von uns eingeladen. Die Zeche bezahlt dann jeweils der «Tagespräsident». Das war in diesem Fall der Baschi. Da nächste Mal kommt der Jörg. Und so weiter! Treffpunkt ist halbjährlich. Einmal im Frühling. Einmal im Herbst. Im Vorfeld wird das Datum bestimmt. Das war diesmal der 11. März 2026. Der Gastgeber wählt die Lokation. Die Wahl fiel auf das Casa Tolone in Luzern. Baschi wählte aus seinem Keller die önologischen Rahmenbedingungen. Die waren nach dem Champagner und nach zwei Chardonnays – vom Rotweinsektor her – eng gesteckt. 

Eigentlich genau so, wie ich das liebe. Entweder einen Jahrgang horizontal. Oder ein Weingut vertikal. Diesmal kam eine dritte Variante ins Spiel. Fast so nach dem Motto: «United Colours of Pessac-Léognan». Eine Appellation mit verschiedenen Weingütern und verschiedenen Jahrgängen. Also eigentlich auch mit Vorgaben von Rahmenbedingungen, aber mit wesentlich mehr Facetten. 


Den grossen Gabriel-PDF-Bericht findet man kostenlos unter Tasting Stories.




MAS LA PLANA: CHARAKTER-CABERNET-SAUVIGNON


Als Herkunftsort vom Cabernet-Sauvignon wird der Südwesten von Frankreich, also Bordeaux, angegeben. Seine Geschichte geht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Natürlich wurde diese Rebsorte auch in anderen Weinregionen der Welt angepflanzt. So richtig ernstzunehmende «externe» Bordeaux-Konkurrenten gibt es in diesem Jargon aber erst seit etwa 60 Jahren.


In Australien gilt das heute noch existierende Weingut Vasse Felix als Pionier. Sie pflanzten in den 60er und 70er Jahren in der Region Margreth River und lancierten mit dem Jahrgang 1972 deren erster reinsortiger Cabernet Sauvignon.


Marchese Incisa della Roccetta revolutionierte die Toskana mit dem damals noch verbotenen Anbau von Cabernet-Sauvignon. Sein Début mit dem Jahrgang 1968 erreichte relativ schnell weltweites Ansehen, obwohl er seinen Sassicaia damals noch als Vino da Tavola deklassieren musste.


In Chile basieren die ersten erstzunehmenden mit dem Don Maximiano Founders Reserve von Errazurriz. Auch hier sorgte die Familie Torres 1979 mit der Verwendung von französischen Eichenfässern für einen neuen Cabernet-Massstab. Sicherlich hat die Lancierung von Don Melchor (1987) der Familie Cocha y Toro für wichtige Wahrnehmungen von ersten Premiumweinen im internationalen Markt gesorgt.


Auch in Frankreich selbst wurde in den früheren Pionierzeiten auch ausserhalb Bordeaux vermehrt auf Cabernet Sauvignon gesetzt. Meist als Löwenanteil im Blend, vermischt mit lokalen Rebsorten. Im Languedoc war es Aimé Guibert 1971 mit seinem Mas de Daumas Gassac. Zwei Jahre später füllte Eloi Dürrbach in der Provence seinen ersten Domaine de Trevallon ab.  


An unserem grossen Vertikal-Tasting Anfangs März 2026 in Zürich ging es um eine Vertikale von Grand Coronas Reserva (ab Jahrgang 1959) und dem reinsortigen Cabernet Sauvignon Mas la Plana. Während die früheren Jahrgänge noch mit den klassischen Regionalrebsorten Monastrell und Tempranillo hergestellt wurden, sorgen die Cabernet-Anpflanzungen ums Jahr 1966 für die Lancierung vom heute etablierten Mas la Plana. Der erste Jahrgang des Mas La Plana Cabernet Sauvignon war 1970.

Dieser Wein erlangte schnell weltweite Bekanntheit, als dieser bei den Gault-Millau-Weinolympiaden in Paris 1979 gegen grosse Bordeaux-Weine gewann. 


Der Gabriel-PDF-Bericht von einer grossen Vertikale: findet man auf dieser Webseite unter Tasting Stories.





AUTOBOLIDEN UND SCHROTTWEINE


Hört oder liest man den Begriff «Verschrotten», dann sind in erster Linie Autos gemeint. Das wäre in unserem Fall sehr schade gewesen, denn die Fahrzeuge in der «Eventraum» lagen weit von diesem möglichen Prozedere entfernt. Es handelte sich um sehr gepflegte und meist auch sehr, bis sehr-sehr teure Automobile, welche in einer – aus Diskretionsgründen – an dieser Stelle nicht genauer definierten Halle in der westlichen Region von Luzern hindösen. So lange, bis deren Besitzer jeweils den Zündschlüssel einsteckt und die Motoren startet. Meist für eine Schönwetterfahrt. 


Somit habe ich für den wenig erbaulichen Titel Schrottweine eher ins Schwarze getroffen. Wobei es hier zwei komplett verschiedene Betrachtungsvarianten gibt. Eigentlich wird «Verschrotten» mit zwei Möglichkeiten beschrieben. Einerseits spricht man hier von «Wegwerfen». Das war bei uns nicht der Fall. Andererseits wird auch von «Ausmisten» gesprochen. Ich würde dies als «definitiv aus dem Weinkeller entfernen» umschreiben. 

Es gibt diese Flaschen im Keller. Und wohl jeder hat ein, zwei oder gar mehrere Exemplare davon. Weine, welche man irgendwann kaufte, allenfalls gar geschenkt bekam und dann aus irgendeinem Grund nie entkorkte. Je mehr Jahre ins Land zogen, desto weniger hatte man Lust diese irgendwann zu entkorken. 


Und genau da setzte ich mit meiner Idee an und schrieb meinen Weinwanderfreunden im Vorfeld zu diesem Event. Mit den Weinwanderern machen wir oft spezifische Proben, bei den jedes «Mitglied» zu Mitbringsel verpflichtet wird. Bei einer nächsten Probe besuchten wir eine Autogarage. Ich meinte das seien vorwiegend Oldtimer drin. Stimmt aber nicht. Es sind zwar schon ein paar ältere Fahrzeuge in dieser Halle, aber mehrheitlich teure Boliden. Doch das Thema war vorbestimmt also überlegte ich mir, wie ich so eine Wine-Oldtimer-Selektion aus meinem Keller von statten gehen könnte.

Am Veranstaltungstag (Montag, 2. März 2026) war ich im Stress. Kam direkt von einem Wochenende vom Murtensee heim. Am Morgen probierten wir noch schnell Weine bei einem Winzer. Zu Hause angekommen, ging ich direkt in den Weinkeller, um meine Selektion für den Wein-Wanderabend vorzunehmen und stellte die fünf Flaschen in einen Karton. Danach «mussten» wir im Löwen jassen und am späten Nachmittag fuhr mich Störkoch Hans Peter in das Eventlokal, derweil unsere Kollegen dorthin wanderten.     


Den PDF-Bericht findet man unter Tasting Stories.




ADAPTIERTE TRADITION



Kannten Sie Marianne Mühlhuber? Sie war Wirtin der Goldenen Gans und hatte eine gleichnamige Tochter. Durch den Film «Hofrat Geiger» habe ich die Wachau schon in ganz jungen Jahren kennen gelernt. Den Text und die Melodie zum Mariandl kann ich heute noch auswendig singen. Die damalige Hauptdarstellerin Waltraut Haas durfte ich später ein paar Mal in verschiedenen Theaterstücken im Teisenhoferhof in Weissenkirchen erleben. 


1990 reiste ich erstmals in die Wachau und seither pilgere ich immer wieder dorthin. Erst war es der Wein, dann die Winzer, das gute Essen, die Region und später auch die damit verbundene Aura, welche einen sich immer wiederholenden Hinreise-Zwang zum Aufenthalts-Glück auslösten.  


Faszinierend sind für mich die drei geografischen Betrachtungsweisen der Region. Man kann mit dem Auto der Donau entlang oder dem Zug zwischen Berg und Tal durchfahren. Oder vom Kursschiff aus oben den Waldviertlergürtel oder den Dunkelsteinerwald und unten die Rieden und Dörfer betrachten. Meine Lieblingsvariante ist es in einem oberen Teil eines Rebberges zu sitzen und Schiffe optisch vom Weg von Wien nach Passau auf dem schönsten Filetstück (also der Wachau) mit dem Auge zu begleiten. Besonders schön finde ich das Knattern von zeitlupenartig anmutenden Frachtschiffen. Da kann man bei deren Rauffahren so herrlich Runterfahren. Om!

 

Es gibt keinen einzigen Ort links und rechts der Donau ohne gute Gasthäuser. In allen Facetten. Die Heurigen miteingerechnet. Tradition im Generalangebot hat immer noch Vorrang. Auch wenn sich mittlerweile eine Pizzeria, eine Kebap Bude oder gar ein Thai-Imbiss-Wagen in diese qualitativ hochstehende Gastroregion eingeschlichen haben. Aufgrund der bescheidenen Auswahlvorlieben meiner Gattin Karin weiss ich, dass sich jeder Wachauer-Wirt die grösste Mühe gibt, das beste Wiener Schnitzel der Region auf dem Teller zu präsentieren. Ich mag es lieber deftig und bin heilfroh, dass es hier vielerorts noch urige Klassiker angeboten werden. Und wenn sich im glücklichen Magen bereits die salzigen Ingredienzen breitmachen, dann bestelle ich zum Finale einen Marillenknödel. Dabei erinnere ich mich oft an den fast sinnlichen Rezept-Beginn vom Kochbuch von Lisl Wagner-Bacher. «Man nehme eine reife Marille, entferne dessen Stein und ersetze ihn mit einem Stück Würfelzucker». Ab und zu gönne ich mir einen Besuch im Landhaus Bacher. Der Generationenwechsel ist perfekt geglückt. Es ist für mich nach wie vor «Liebe auf dem Teller».


Auch bei den Winzern gab es während meiner ununterbrochenen Zuneigung zu den Wachauer Weinen diverse Generationenwechsel. Auch die sind ausnahmslos geglückt. Früher war ich ein absoluter Riesling-Fetischist. Heute switche ich zwischen den Rebsorten hin und her. Zum Essen ist es in der Regel immer ein Grüner Veltliner. Ergänzt werden diese Haupt-Spezies durch Minderheiten von weiteren Rebsorten. Jeder Winzer hat da in der Regel eigene Bonsai-Varianten.          


Wenn wir jeweils im Frühjahr die noch nicht gefüllten Jungweine des neuen Jahrgangs verkosten, besuche ich entweder in Dürnstein oder in Spitz die Sonntagsmesse. Da erschleicht mich nicht selten das Gefühl, dass nicht nur der Gabriel, sondern auch der liebe Gott hier manchmal Ferien macht!  



ELF MAL HOSANNA IN DER HÖH



Von René Gabriel: www.weingabrielch


 

Zwei Hosanna-Varianten …


A.) In der christlichen Liturgie galt «Hosanna in der Höhe» als freudiger Jubelruf, welcher in der Zeit des Zweiten Tempels beim Laubhüttenfest ausgerufen wurde. 


B.) Für ein paar ausgesuchte Weinfreunde gilt der gleiche Titel für ein Weinfest, welches am ersten Februarwochenende 2026 auf der Melchsee-Frutt stattfand.



Bei der folgenden B-Variante geht es um die pomerolige Weinversion und die Definition der Höhe wird sogleich erklärt. 

Die Rebberge von Château Hosanna liegen ziemlich genau auf dreissig Meter über Meer. Unser Austragungsort, das Chalet Alpenheim, liegt im obwaldnerischen Alpenparadies Melchsee-Frutt, auf einer Höhe von ziemlich genau 1930 Metern. 


Mit Jahrgängen zwischen 2000 bis 2020. Die ganze Geschichte findet man unter Tasting Stories. 



DIE GEFAHR DER ELITISIERUNG



Im Zusammenhang mit einer Penfolds-Grange-Verkostung postete ich diese Meldung: 

Als Silvio versprach Käse von unserem Freund Maitre Fromager Anthonny im Elsass zu bestellen, bat ich ihn u.a. einen Fleur du Maquis, wegen seinen zum Grange passenden Kräutermantel zu ordern. Er gab den Wunsch gerne an Bernard weiter … 


«Ganz sicher nicht», meinte Bernard bei der Bestellung; «der Fleur du Maquis ist der schlechteste Käse unter den Billigen. Ich liefere einen Brin d’Amour. Dieser korsische Schafkäse sei der Beste unter den Teuersten!»


Daraufhin meldete sich Face-Book-Leser Emil Ceska mit dem Kommentar: «Mitleid mit jenen Menschen, welchen «der schlechteste Käse unter den Billigen» schmeckt … Ironie off …


War das jetzt gut oder böse gemeint? Ich habe den Gegenpost drei Mal gelesen. War das gar ein angriffig-elitärer Vorwurf, welcher sich direkt an den Gabriel richtete?  


Zugegeben, oft halte ich es meistens wie Oscar Wilde: «Ich habe einen einfachen Geschmack, denn ich habe mich stets mit dem Besten zufriedengegeben.»  


Persönlich habe ich mich gefragt, ob man elitär ist, wenn man einen Brin d’Amour (das Kilo kostet um 70 Franken) statt einen Fleur du Maquis zu einem Penfolds Grange isst. Eigentlich ist/wäre ja die rote Flüssigkeit im Glas wesentlich elitärer. Insofern, weil der Preisunterschied zwischen den beiden genannten Schafsmilchkäsekontrahenten gar nicht so gross ist. 


Weil mich der Hafer stach, habe ich im Netz nach noch teureren Käsesorten gesucht und habe dabei augenreibende Erkenntnisse gelernt. 


Bis in im Sommer 2023 war der aus Serbien stammende «Pule» der teuerste Käse der Welt. Das ist ein bröckeliger Käse aus Eselsmilch. Er wird im Reservat «Zasavica» in der Vojvodina, nahe der Stadt Sremska Mitrovica hergestellt. Sein Preis; um 11'000 Schweizer Franken. Pro Kilo!


Im September wurde der Pule «abgelöst». Auf einer Auktion wurde ein Käselaib mit einem Gewicht von 2,2 kg für knapp 30.000 Euro verkauft. Das entspricht einem Kilopreis von gut 14.000 Euro. Der Cabrales-Blauschimmelkäse aus Nordspanien erhielt dafür den neuen Zuspruch als «teuerster Käse der Welt». 


Das finde ich jetzt aber selbst schon ein bisschen elitär …






GRANGE: MIT UND OHNE HERMITAGE


Das mit dem Zusatz «Hermitage» auf dem Australischen Kultwein Penfolds Grange ist eine Geschichte für sich. Und sie hat etwas mit Frankreich zu tun. Denn – als Träger der AOC-Bezeichnung für den Wein aus Hermitage machten die Franzosen mehr oder weniger höflich so lange Druck, sodass mit dem Jahrgang 1990 auf den Zusatz «Hermitage» verzichtet wurde. Dabei waren es grade die Franzosen, welche den Erfinder Max Schubert seinerzeit für die Kreation von diesem langzeitlegendären Ikonen-Down-Under-Red beflügelten …


GRANGE FÜR DIE WEINWANDERER

 

Die Themen sind meistens schon lange im Vorfeld festgelegt. Manchmal bringt jeder eine Flasche aus seinem Keller mit. Oder auch zwei. Oder eine Magnum. Ab und zu liefert ein einziger Eschenbacher Weinwanderer einen ganzen Themenreigen. Diesmal war Weinfreund Silvio der Zulieferer und er plünderte dafür sein honoriges Penfoldsabteil.

15 verschiedene Jahrgänge standen bei Gastgeberin Christine Neidhart auf dem Gabentisch (1967 – 2002) nachdem Robi Hocher am späteren Nachmittag alle Flaschen entkorkt und dekantiert hatte.  Den PDF-Bericht von René Gabriel findet man kostenlos unter Tasting Stories.





DANIEL CATHIARD VERLÄSST DIE WEINWELT


Dass der Besitzer von Château Smith Haut-Lafitte (Pessac-Léognan) vom Sportler (Skirennfahrer) zum Winzer mutierte, kann man überall nachlesen. Dass er auch grillieren konnte, wissen wohl nur wenige. Das Bild knipste ich im Jahr 2011 vor seinem Fischerhaus, welches sich auf einer Insel mitten in der Garonne befindet.   


Wir lernten uns im Jahr 1991 kennen, als ich seinen 1990er relativ unsanft beschrieb. Er verteidigte sich insofern, dass er das Weingut just nach der Ernte gekauft hätte und nur noch minimen Einfluss bei der Assemblage auf diesen Jahrgang einüben konnte. Ich sah den dynamischen Mann und auch das Potential von dem Weingut, welches unter der Eschenauer-Ägide zuvor leider permanent unspannende Jahrgänge auf den Markt brachte …  


Doch das Wetterpech verhinderte einen guten Start. 1991 wurde zum Frostopfer. 1992 litt unter Sonnenmangel und Wasserreichtum. Auch der 1993er wurde zum Regendesaster. Der Smith-Haut-Lafitte 1994 war korrekt, leider aber auch kein Überflieger. Aufgrund des stetigen Regeneinbruchs kurz vor der Ernte pflückte man die Trauben vom 1995er aus Angst wohl etwas zu früh. So füllte man diesen zugegeben sehr guten Bordeaux leicht hinter den generellen Jahrgangserwartungen ab. So dauerte es zermürbende Jahre, bis der Smith-Haut-Lafitte endlich in die Appellations-Top-Liga aufsteigen konnte. Mit Daniel im Lead für das Weinmachen (Mithilfe von sehr guten Önologen) und mit seiner Frau Florence als äusserst umtriebige Vermarkterin wurde das Bordeaux-Portfolio immer grösser. Ergänzt durch «Filialen» im Burgund und im Napa-Valley.


Je besser die Weinqualtität, desto intensiver wurde unsere Freundschaft. Ich lud Daniel zum ersten Welt-Wein-Festival nach Bad Ragaz ein. Auch für mehrere Tastings der Académie du Vin. Zu weiteren Events in der Schweiz. Unvergesslich; der Weinabend im Sempacherhof. Mit befreundeten Bordeaux-Winzern organisierte ich eine grosse Gala nach Wien …


Und immer, wenn es die Zeit erlaubte, klingelte ich an die Tür. Ein paar Mal nächtigte ich in ihrer privaten Chartreuse und kochte bei Gelegenheiten in der rustikalen Küche. Mehrmals logierten wir mit Gruppen im benachbarten Source de Caudalie. Unzählige Diners fanden unter meiner Reiseleitung auf dem Weingut selbst statt. Nicht selten machte ich selbst die Führung durchs Château, wenn mal grad kein Guide zur Verfügung stand. Und oft waren wir danach zu einem privaten Apero bei den Cathiards Haus eingeladen.  


Dem Jahrgang 2009 verlieh Robert Parker das begehrte 100-Punktemaximum. So grosszügig war ich nie, aber er sein «S-H-L» lag bei mir stets auf einem sehr guten, soliden, zuverlässigen, oberen Mittelwert. Einer meiner Jahrgangs-Lieblinge ist der 2005. Meine zwei letzten 19-Punkte-Einträge dazu. Eine Magnum bei einem Diner auf dem Château: «Wunderschönes Nasenparfüm und im Gaumen superelegant. Noch ein Glas bitte!» Und eine Normalflasche beim Kartenspielen in Zug. «Ein wunderwunderwunderschöner Wein!»


Am 29. Januar 2026 ist Daniel Cathiard im Alter von 81 Jahren verstorben.

Bordeaux verliert eine grosse Persönlichkeit. Ich einen sehr guten Freund! Adiéu Daniel!




MÄANDERN SIE AUCH GERNE?


Gesamthaft gesehen schreibe ich mehr als ich lese. Damit gehöre ich zur Mehrheit. Es wird weniger gelesen heutzutage. Und somit mehr geschrieben? Ich dachte zwar, dass dem nicht so sei, musste mich aber belehren lassen.


Der Grund liegt an der Zunahme von Mails (statt Telefonieren!) und den oft wenig überlegten, spontan ins Handy gehackten SMS, welche in Unmengen in den Äther gespuckt werden. Gemäss aktuellen Berechnungen sind es weltweit ca. 25 Milliarden Nachrichten, welche via Short Message System pro Tag verschickt werden. Meist sind es dem auf Deutsch übersetzten Begriff geschuldeten Kurztexte, welche einem Minimum an Grammatik unterliegen.  


Durch meine aktive Schreiberei habe ich mir einen recht umfangreichen Wortschatz angeeignet. Diesen verwendete ich bestmöglich in meinen zehn Büchern, den vielfachen Ausgaben von WeinWisser und auf meinen Webseiten. Es geht dabei nicht nur darum zu informieren, sondern auch zu unterhalten. Ich nenne es oft «Wine-Entertainment». Der Mövenpick-Gründer Ueli Prager bemerkte einst: «Gabriel kreiert durch träfe Wortverbindungen neue Begriffe für die Weinwelt».


Eigentlich hatte ich meine schon fast ausufernde Wortsammlung für meine Schreibinventur schon längst abgeschlossen. Bis vor zwei Jahren! Da begegnete ich im Roman «Schlaflos in Seelisberg» von Blanca Imboden dem für mich neuen Wort «mäandern». Irgendwie passte es in die beschriebene Situation und man konnte sich auch ohne Recherche vorstellen, was damit gemeint war. Also las ich es und vergass es gleich wieder.


Auf dem Rückflug von Teneriffa blätterte ich als Alternative zur aufkommenden Langeweile im Edelweiss-Magazin. David Schumacher beschrieb dort seinen ersten Besuch in Varna. Das ist eine bulgarische Stadt mit etwas mehr als 300'000 Einwohnern am schwarzen Meer. Ich nahm mir spontan vor, diese Region auf meine persönliche Löffelliste zu setzen. Mit dem Motorrad! Irgendwann. Hoffentlich nicht zu spät. Denn eine Löffelliste beinhaltet Dinge, welche man noch definitiv unternehmen will, bevor man den Löffel abgibt. Wenn ich dann mal dort sein werde, mache ich es ganz genau wie David Schumacher. Ich habe mir jetzt schon fest vorgenommen, dass ich dann auch zwischen Strand und Meeresgarten mäandern werde.  


Wenn ich jetzt - genau an dieser Stelle - hätte Beschreiben müssen, was genau mit Mäandern gemeint ist, hätte ich passen müssen. Das Wort hat mich aber derart neugierig gemacht, dass ich beim Tastenhacken recherchiert habe. Dabei wurde klar, dass der ursprünglich geprägte Begriff historisch wesentlich bedeutender ist als dessen spätere Anwendung auf eine lediglich ähnliche Tätigkeit.

 

Ein Mäander ist nämlich eine Flussschlinge, die durch Verlagerung des Stromstrichs, also der Linie mit der höchsten Strömungsgeschwindigkeit, entsteht. Ein mäandrierender Fluss hat einen sehr kurvenreichen Verlauf. Der Begriff stammt vom griechischen Namen «Maiandros» für den Fluss Menderes in der heutigen Westtürkei.


Im menschlichen Leben kann man mäandern für «langsames, zielloses Herumgehen» verwenden. Die Laufgeschwindigkeit wird mit «Schlendern» definiert.


Wenn mir das nächste Mal langweilig wird und ich grad kein Edelweiss-Magazin zur Hand habe, dann mäandre ich durch Eschenbach …



Erlebnisse aus früheren Jahren findet man im Archiv ...